Kultur : Engelsgesicht, Teufelsherz

BORIS KEHRMANN

Irgendwann im 16.Jahrhundert begannen die Mönche im Betsaal des "fröhlichen Heiligen" (Goethe) San Filippo Neri, die gemeinschaftlichen Lesungen aus der Bibel vor und nach der Predigt mit verteilten Rollen abzuhalten und den eintönigen Rezitationston gesanglich ein wenig aufzulockern.Daraus entwickelte sich jene Gattung, die ihren Namen dem Ort ihres Ursprungs verdankt: das Oratorium.Ein Beispiel aus dem Jahre 1667 stellten nun Alan Curtis und Il Complesso Barocco aus Venedig im Kleinen Saal des Schauspielhauses bei den Berliner Tagen für Alte Musik vor.Pietro Andrea Zianis Oratorium "Assalone punito - Der bestrafte Absalom" steht musikalisch den dramatischen Werken Monteverdis nahe.Mit dem großen Chororatorium Händels hat es nichts gemein.An Monteverdis "Combattimento di Tancredi e Clorinda" erinnert die Rolle des Erzählers, Testo (der Tenor Luca Dordolo läuft hier erst im Verlauf des Abends zu großer Form auf), der die Handlung in einer engagierten Mischung aus epischer Distanz, dramatischer Anteilnahme und moralisch-sentenziöser Lehrhaftigkeit referiert.In den Bericht eingelegt sind Monologe, kurze Wortwechsel und wenige kompakte Chorpartien im straffen fünfstimmigen Satz.

Die Fabel von Davids Sohn Absalom, der mit dem Ansehen eines Engels und dem Herzen eines Teufels dem Vater die Macht zu entreißen sucht und seiner Strafe nicht entgeht, wird zum eindringlichen Gleichnis jeder Auflehnung gegen Gott.Roberta Invernizzi gestaltete die Titelrolle wunderbar bewegt, formklar und geschmeidig in den unablässig fliessenden Übergängen zwischen expressivem Rezitativ und belcantistisch blühendem Arioso.Roberto Balconi siedelte den bösen Ratgeber mit schneidendem Alt im Charakterfach an.Der Bariton Carlo Lepore sang die ergreifende Klage des verratenen Königs David.Gian Paolo Fagotto gab als Basso profondo seinen Berater.

Wie zur Zeit Zianis üblich, ist der "Assalone" nur in Gesangsstimmen und einem Instrumentalbaß überliefert.Zu dieser Praxis sind viele Hypothesen formuliert worden.Il Complesso Barocco spielt das Werk mit zwei Geigen und umfangreichem Continuo.Mit diesem kleinen Apparat erscheint es plausibel, daß die Instrumentalparts während der Aufführung spontan aus den Stimmen improvisiert wurden.Alan Curtis und sein Ensemble ließen sich ihre Parts lieber vom Primarius Alessandro Ciccolini aufschreiben und brachten doch eine hinreißend lebendige und stimmige Aufführung zustande.

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