Engelszungen (1) : Diesen Medien glaubt man

Ein Weihnachten ohne Engel ist möglich, aber sinnlos. Inzwischen glauben in Deutschland mehr Menschen an die geflügelten Boten Gottes, als an ihren Chef selbst.

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Sie sind beliebt wie eh und je. Ein etwa 300 Jahre alter Taufengel in der Dorfkirche von Wulkow nahe Frankfurt (Oder).
Sie sind beliebt wie eh und je. Ein etwa 300 Jahre alter Taufengel in der Dorfkirche von Wulkow nahe Frankfurt (Oder).Foto: picture alliance / dpa

Es kann schon mal passieren, dass die Schar der Mitarbeiter beliebter wird als der Chef. Doch was sich mit den Engeln zuträgt, rüttelt an den Grundfesten von Himmel und Erde. Umfragen zufolge glauben mehr Deutsche an die geduldigen Flügelträger als an den Gott, dem sie doch als Boten komplett ergeben sind. Diesen Job erfüllen Engel seit Jahrtausenden, im Christentum, im Judentum und im Islam. Engel sind begehrt, ihre Schwingen versprechen Schutz und Geborgenheit. Und jeder Mensch hat ihrer nicht nur einen, wissen sendungsbewusste Angelologen, es gilt, möglichst viele persönliche Engel zu entdecken. Für Behütung, Licht, Entwicklung, Liebe und so weiter. Man muss nur an sie glauben.

An Weihnachten, wenn die meisten Menschen nur noch heiser husten, heben die Engel zu ihrem Lobgesang an. „Hört, der Engel helle Lieder“, singen die Irdischen, und ihr Lied mündet in das strahlende „Gloria in excelsis Deo“. Auch wenn dabei beinahe jede Gemeinde so klingt wie Loriots sprechender Hund, der gar nicht sprechen kann – es öffnet die Herzen. Und unser Eifer verbindet sich mit dem sphärischen Klang der Cherubim und Seraphim, den das menschliche Ohr nicht vernehmen kann.

Es lonht sich, Engel nicht aus dem Blick zu verlieren

Weil die Bereitschaft dieses Gottessohns, sich in unsere unvollkommene Welt zu stürzen, den Menschen seltsam erscheint, haben die Engel vor den Feiertagen so viel Arbeit wie die Paketboten. Nicht immer kann die frohe Botschaft beim ersten Anlauf erfolgreich zugestellt werden. Da Engel ihrem Wesen nach Medien sind, mag man sich gar nicht ausmalen, welchen Schmähungen sie in den asozialen Netzwerken ausgesetzt wären, wenn sie es heute wagten, die Geburt Christi zu verkünden. Außerdem könnte man letztlich auch sie dafür verantwortlich machen, dass drei potenzielle Gefährder ihrem Aufruf zur Einreise ins Heilige Land nachkommen.

Ein Weihnachten ohne Engel ist möglich, aber sinnlos. Das wusste man selbst in der DDR, die noch unterm Tannenbaum zum Klassenkampf mahnte. Im Erzgebirge entstanden weitere himmlische Heerscharen, irdisch drall ins Holz geschnitzt, ein Instrument in der kleinen Kugelfaust. Fertig lackiert, überschritten sie zu Tausenden die Grenze, bis ihnen die Menschen irgendwann folgten. Es lohnt, Engel nicht aus dem Blick zu verlieren. Wir tun es dieser Tage, bis Silvester.

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