Kultur : England des Mittelalters

Verlorene Generation: Bernhard Dietz über den Einfluss der Neo-Tories auf die britische Politik.

Dominik Geppert

Die Entwicklung Englands im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert wird oft als positives Kontrastbild zur deutschen Katastrophengeschichte gesehen. Wo in Deutschland Extremismus, Gewaltherrschaft und gesellschaftliche Konfrontation vorherrschten, finden wir bei den Briten Mäßigung, Parlamentskontrolle und die Suche nach Kompromissen. Besonders deutlich unterscheiden sich in dieser Deutung die Konservativen in Deutschland und England voneinander. Im Deutschen Reich erscheinen sie als preußische Junker, die starrsinnig an überkommenen Werten und engen Klasseninteressen festhielten. Oder sie fungierten als Hitlers Steigbügelhalter, weil sie mit den Nationalsozialisten im Hass auf Parlamentarismus, Liberalismus und Demokratie einig waren.

Die britischen Tories hingegen folgten anscheinend konsequent Benjamin Disraelis Diktum, dass Wandel unvermeidlich sei und es für Konservative nur darauf ankomme, Veränderungen sinnvoll zu dosieren. Zwischen den Kriegen stellten sie mit Stanley Baldwin einen Premierminister, der seine Partei neu ausrichtete, indem er sie für Frauen und Arbeiter öffnete. Die Geschichtswissenschaft hat mittlerweile Korrekturen an diesem Schwarzweißbild vorgenommen. Sozialdarwinismus, Antiliberalismus, Antisemitismus und die Radikalisierung eines imperialistischen Sendungsbewusstseins haben auch in England die Entwicklung auf der politischen Rechten mitbestimmt. Besonders die britischen Faschisten und ihr Umfeld sind genauer untersucht worden.

Der Mainzer Historiker Bernhard Dietz fügt dem Mosaik ein weiteres Puzzlestück hinzu. Er nimmt diejenige Strömung innerhalb von Englands radikaler Rechten in den Blick, die – wie die Anhänger einer „Konservativen Revolution“ in Deutschland – entschiedener Gegner der parlamentarischen Demokratie und der pluralistischen Moderne war, ohne deshalb Oswald Mosleys Faschisten anzuhängen. Diese Neo-Tories stammten überwiegend aus dem gehobenen Bürgertum und niedrigen Adel. Viele hatten elitäre Privatschulen besucht und in Oxford oder Cambridge Geschichte studiert. Sie hatten in großer Zahl freiwillig als Soldaten im Ersten Weltkrieg gedient und gehörten jener „verlorenen Generation“ an, die durch das Massensterben in den Schützengräben dezimiert worden war und sich in der egalitärer gewordenen Nachkriegswelt so überflüssig wie unverstanden fühlte.

Daraus resultierte, schreibt Dietz, „ein zynisches, zuweilen zorniges Aufbegehren gegen den Rest der Gesellschaft“. Die radikalen Konservativen idealisierten das ländlich geprägte, vorindustrielle England des Mittelalters. Dort glaubten sie eine ständisch gegliederte, in sozialem Frieden lebende Urgesellschaft mit einem starken Monarchen an der Spitze zu finden. Sie misstrauten technischem Fortschritt und der fortschreitenden Gleichberechtigung von Frauen. Der Niedergang war in ihren Augen nicht erst auf die Französische Revolution zurückzuführen. Er hatte schon 100 Jahre früher mit der „glorreichen Revolution“ in England 1688 begonnen. Seither befanden sich Liberalismus, Kapitalismus, Sozialismus und Parteienherrschaft auf dem Vormarsch.

Anders als die italienischen Faschisten oder die Nationalsozialisten in Deutschland setzten die Neo-Tories nicht auf Gewalt, einen starken Führer oder die Macht der Straße. Sie organisierten sich vielmehr in Clubs und Geheimbünden und pflegten gute Beziehungen zum Establishment der Konservativen Partei, die sie zu unterwandern versuchten. Dietz hält sie wegen ihrer „netzwerkartigen Verbindungen zur Spitze der Macht“ für gefährlicher als Mosleys Faschisten. Zugleich trägt er jedoch Belege für die Gegenthese zusammen, dass informelle gesellschaftliche Kontakte letztlich das System in England stabilisierten. Denn manch aufstrebender Jungkonservativer vergaß seine extravaganteren Ansichten rasch, wenn er in Führungspositionen aufstieg.

Jedenfalls gelang es den Neo-Tories nicht, die Konservative Partei auf ihren Kurs zu zwingen. Die Parteispitze sah keinen Grund, ihre Popularität durch Zugeständnisse an Extrempositionen zu gefährden. Ein belastbares Bündnis der radikalen Tories mit den Pressezaren Lord Beaverbrook und Lord Rothermere kam ebenso wenig zustande wie ein Schulterschluss mit den britischen Faschisten oder den Imperialisten um Churchill, die gegen die Indienpolitik der Regierung opponierten. Im Unterschied zum Deutschen Reich ließ sich die parlamentarische Demokratie in Großbritannien nicht als wesensfremd denunzieren.

Die Deutungshoheit der linken Intellektuellen in den gesellschaftlichen Debatten konnten die Neo-Tories zu keiner Zeit erschüttern. Wehte der Zeitgeist in der Weimarer Republik rechts, so blies er im England der Zwischenkriegszeit von links. 40 Jahre später, als Margaret Thatcher und ihre Anhänger einer konservativen Revolution neuen Zuschnitts zum Durchbruch verhalfen, war das anders. Erneut ging es darum, das angeblich wahre Wesen des Konservatismus wiederzuentdecken, den Niedergang des Landes aufzuhalten und an eine glorreiche Vergangenheit anzuknüpfen. Aber diesmal marschierten die konservativen Revolutionäre nicht gegen die Kräfte von Kapitalismus, Demokratie und Moderne, sondern mit ihnen. Auch darum waren sie erfolgreicher. Dominik Geppert

Bernhard Dietz: Neo-Tories. Britische Konservative im Aufstand gegen Demokratie und politische Moderne 1929-1939.

Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2012. 334 Seiten, 49,80 Euro.

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