Kultur : England, ziemlich weit unten

Nichts passiert, und alles verändert sich. Etwas passiert, und vieles bleibt gleich. Mike Leighs „All or Nothing“

Christian Schröder

Ein Mann am Meer, auf der Suche nach dem Sinn. Er hat den Zähler seines Taxis abgestellt, sein Handy ausgeschaltet, ist aus der Londoner City herausgefahren, über Ausfallstraßen auf Landstraßen auf Nebenstraßen, bis die Straßen aufhören. Die letzten Meter ist er über Kiesel gestapft. Jetzt steht Phil am Strand und schaut auf den im Dunst verschwimmenden Horizont, als ob dort die Antwort zu finden wäre auf die Frage, wie es weitergehen soll mit seinem Leben. Gespielt wird Phil von dem wunderbaren Schauspieler Timothy Spall, ein Blick in sein Kummergesicht genügt, um zu wissen, wie Resignation aussieht. Nichts passiert in diesen Minuten am Meer, und doch verändert sich alles. Zurück in London, wird Phil erfahren, dass sein Sohn einen Herzinfarkt hatte. Er wird mit seiner Frau und seiner Tochter am Krankenbett sitzen und endlich wissen, worauf es ankommt: aufs Zusammenhalten.

Mike Leigh ist ein Menschenfreund. Seine Figuren liebt er so sehr, dass er sie sicher durch alle Alltagskatastrophen führt und ihnen am Ende einen Neuanfang schenkt. In „Lügen und Geheimnisse“ (1996) fand eine Tochter ihre Mutter, in „Carreer Girls“ (1997) trafen sich zwei Freundinnen wieder, nur „Naked“ (1993), Leighs düsterster Film, zeigte eine Welt ohne Ausweg. „Topsy-Turvy“, der keinen deutschen Verleih fand, war ein Ausflug des britischen Regisseurs in den Kostümfilm, mit „All or Nothing“ kehrt er jetzt auf bewährtes Terrain zurück. England, ziemlich weit unten: In der Hochhaus-Siedlung, in der Phil mit seiner Familie wohnt, bröckeln nicht nur die Fassaden, auch die Träume der Bewohner von einem besseren Leben scheinen längst zerbröselt. Phil verdient mit seinem Taxi so wenig, dass er sich das Geld fürs Feierabendbier von seiner Frau Penny (Lesley Manville) leihen muss, die im Supermarkt an der Kasse sitzt. Die dicke Tochter (Alison Garland) putzt im Altersheim, der noch etwas dickere Sohn (James Corden) liegt den ganzen Tag vor dem Fernseher. Wenn jemand etwas von ihm will, brüllt er: „Fuck off!“

Gebrüllt wird viel in diesem Film, manchmal auch sturzflutartig geredet oder verbissen einander angeschwiegen, nur zuhören können die Menschen schlecht. Der Alltag ist voller Aggression, Gleichgültigkeit kann jederzeit umschlagen in Gewalt. Es ist ein kleines White-Trash-Universum, das Leigh zeigt, die Insassen dieser Plattenbau-Tristesse – so die etwas schlichte Botschaft – sind Opfer der Verhältnisse. Ein Mädchen wird von ihrem Freund geschwängert und dann beinahe vergewaltigt. Eine Mutter taumelt schon vormittags volltrunken über die Grünflächen, und die Nachbarn schauen weg. Der Chef von Phils Taxi-Zentrale behandelt seine Fahrer wie Leibeigene. Und wenn Penny am Samstagabend mit ihren Freundinnen ausgeht, dann amüsieren sie sich beim Karaoke bis kurz vorm Koma.

„Die Uhr tickt“, sagt Phil im Pub, wo er gerne zum Philosophen wird. „Du wirst geboren, du stirbst, das ist das Leben.“ Das ist das Leben: Mike Leigh dreht Melodramen, die in der Präzision ihrer Milieu- und Sittenschilderung an Dokumentarfilme heranreichen. Das Drehbuch für „All or Nothing“ haben Regisseur und Darsteller, wie immer bei Leigh, in monatelanger Improvisation gemeinsam erarbeitet. Eine Technik, die der deutsche Filmemacher Andreas Dresen übernommen hat. Seine „Halbe Treppe“ ist die Gegenthese zu „All or Nothing“: Um Großstadtmenschen in hohen Häusern geht es auch dort, bloß endet ihre Verzweiflung in komischem Tumult. Mike Leigh setzt aufs Ganze: Humor kommt bei ihm nur in Spurenelementen vor. Das Happyend wirkt wie religiöse Glasmalerei: die Heilige Familie, friedvoll versammelt auf der Intensivstation.

Central, Filmkunst 66, Neues Off (OmU)

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