Kultur : Engtanz im Kasperletheater

Nadine Lange schaut Robbie Williams bei der Fanbetreuung zu

Im Herzen ist Robbie Williams ein Proll. Seine Jugend brachte er zu großen Teilen im Pub seiner Mutter zu. Hier fanden auch seine ersten kleinen Auftritte statt. So fein wie bei den Windsors wird es dabei kaum zugegangen sein. Die Rolle des englischen Gentleman hat Williams in seinen mehr als 20 Jahren im Showgeschäft ohnehin nie angestrebt.

Trotz des umfangreichen Drogen- und Schickeriaprogramms, das er durchgezogen hat, blieb er letztlich immer der fußballbegeisterte Kumpeltyp aus der Arbeiterstadt Stoke-on-Trent. Nicht enthalten im Lieferumfang dieses Persönlichkeitsprofils ist ein differenziertes Frauenbild. Deshalb überrascht es auch kein bisschen, dass Williams die Frauen, die er bei seinen Konzerten auf die Bühne holt, nach ihrer Oberweite auswählt. Beim Auftakt seiner Deutschlandtournee in Gelsenkirchen erklärte er das „Biggest Tits“-Kriterium kürzlich voller Stolz den 50 000 Besucherinnen und Besuchern. Im Arm hielt er dabei die 20-jährige Mia aus Berlin. Sie lachte wahrscheinlich peinlich berührt.

Natürlich ist das sexistisch, ätzend und kein gutes Vorbild für die Kinder. Der Sänger ging sogar noch weiter: Während er „Everything Changes“ sang, kniete er vor Mia, genau auf der Höhe ihrer Brüste, die er prompt in einer umgedichteten Zeile besang. Sonderlich stilvoll war das nicht. Doch wenn die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ diese Szene nun als „Tortur“ für die junge Frau beschreibt und behauptet, sie sei diskriminiert worden, „wie es schlimmer nicht geht“, ist das völlig überzogen und ein bisschen lächerlich. Schaut man sich im Netz die entsprechenden Mitschnitte an, wirkt die Berlinerin keineswegs gequält. Williams bittet sie noch in ein hochgestelltes Bett, wo sie zusammen den Song „Strong“ singen und er ein bisschen mit einer Kasperletheaterpuppe herumfuchtelt. Zum Abschluss tanzt der Star eng umschlungen mit ihr – ja schön nah an ihren großen Brüsten. Doch es sieht einvernehmlich und in keiner Sekunde ausbeuterisch aus. Mia wird diesen Abend wahrscheinlich nie vergessen, und mindestens 20 000 Frauen im Publikum dürften sie sehr beneidet haben.

Im Kontext der hypersexualisierten, popkulturellen Bilderwelt reicht dieser mittelvulgäre Williams-Auftritt wahrlich nicht für einen Skandal. Damit sollen keine Tittensprüche verteidigt werden. Doch ihm Übergriffigkeit zu unterstellen, die über Brüderles Dirndl-Ausfälle hinausgeht, ist reiner Alarmismus. Denn Williams hat die Berlinerin nicht dem Spott der Menge ausgesetzt, sondern nur für einige Minuten das Scheinwerferlicht mit ihr geteilt. Schaut man sich andere Showgrößen an, kann diese Art von Publikumsbeteiligung noch deutlich peinlicher ausfallen. Auf der sicheren Seite ist wie immer Madonna: Sie holt sich nie Fans auf die Bühne. Und bei ihrer berühmtesten Bettszene während der „Blonde Ambition Tour“ räkelte sie sich allein auf dem Laken – die Freuden der Selbstbefriedigung simulierend.

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