Kultur : Enkel der Revolution

Essays über das 21. Jahrhundert: Timothy Garton Ash blickt hinter die weltpolitischen Kulissen

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Dieses Buch ist ein „Best of“. Es versammelt Reportagen, Essays, Porträts und Kommentare der letzten zehn Jahre. Ihnen gemein ist ihr Autor: Timothy Garton Ash. Der Direktor des European Studies Centre am St. Antony’s College in Oxford und Senior Fellow an der Hoover Institution der Stanford University ist bekannt für politische Betrachtungen mit historisch fundierter Einordnung. Das hebt ihn angenehm ab von tagesaktuellen Medienkommentaren mit leider häufig geringem Horizont. Seine mit leichter Feder verfassten Texte stehen dabei ganz in der Tradition angelsächsischer Erzählkunst, die keinen Widerspruch zwischen fachlicher Präzision und sprachlicher Eleganz sieht, sondern im Gegenteil das eine als elementare Voraussetzung für das andere betrachtet und umgekehrt.

So überrascht es kaum, dass dieses Buch ein wahrer Lesegenuss ist. Doch es ist noch weit mehr: Es beschert einen Erkenntnisgewinn, der beim Leser bleibende Spuren hinterlassen dürfte. Dafür stehen vor allem Ashs Beobachtungen in der außereuropäischen Welt. Im Herbst 2005 reiste er beispielsweise zwei Wochen lang durch den Iran. Es ist ein Markenzeichen von Ash, dass er seine Reportage nicht mit einem aktuellen Eindruck, sondern mit einer historischen Begebenheit beginnt, die er in seine gegenwärtige Analyse gleichsam einwebt: „Hoch oben in den Fels von Naqsh-e Rustam gehauen liegen, mit weitem Blick über die Wüste, die 2500 Jahre alten Grabstätten der großen Perserkaiser: Darius, Xerxes, Artaxerxes. Weiter unten am Steilhang dieses kaiserlichen Mount Rushmore schimmert ein Steinrelief in der Hitze. Es zeigt die dramatische Szene, wie der Schah aller Schahs, Schapur I., im Jahr 260 nach Christus die Kapitulation des römischen Kaisers Valerian entgegennimmt. Der prächtig ausgestattete Eroberer thront zu Pferd über dem knienden, unbewaffneten, besiegten Kaiser.“ Als Ash seinen iranischen Begleiter fragt, was mit Valerian geschah, erhält er als Antwort: „Umgebracht natürlich.“ „Noch Fragen?“, möchte man ergänzen.

Lakonisch zeigt Ash, dass sich in machtpolitischen Fragen wenig Grundsätzliches seit dem Jahr 260 verändert hat. So nennt er als Grund seiner Reise unter anderem den Umstand, dass sich die Herrscher des heutigen Iran gleichfalls einem Rom widersetzen, indem sie trotz großen Drucks der USA an ihrem Nuklearprogramm festhalten.

Ash tauchte ein in das Leben der iranischen Mittel- und Oberschicht in ihren Villen hinter hohen Gartenmauern, wo die Frauen ihr obligatorisches Kopftuch sofort ablegen und wo man nicht hinterm Berg hält mit der Verachtung gegenüber dem antiquierten revolutionär-islamischen Eifer von Präsident Mahmud Ahmadinedschad. Man kann sich gut vorstellen, wie der britische Gentleman nach seiner Ankunft in einem solchen Haus von Damen im Bikini „neckisch“ zum Nacktbaden im Pool eingeladen wurde, während ihm die Männer einen Drink aus einer Flasche anboten, die mit „Ethanol – garantiert 98 %“ etikettiert war.

Mit diesen Begegnungen illustriert Ash eine Eigenart, die im Iran Tradition zu haben scheint und die ihm seine Gesprächspartner immer wieder demonstrierten: den Gegensatz zwischen dem, was innerhalb und außerhalb jener hohen Mauern gesprochen wird, einer „Doppelzüngigkeit als Lebensstil“. Nie hätten ihn in einem Land so viele Leute ermahnt, ja nicht zu glauben, was andere Leute ihm erzählten; wie Ash treffend bemerkt, ein in sich widersprüchlicher Rat. Wiederholt sei er auf einen schiitischen Brauch hingewiesen worden, der es einem erlaube, im Dienst des Glaubens seine wahren Absichten zu verschleiern.

Inmitten dieser iranischen Mischung aus Alt und Neu vor dem Hintergrund einer 2500-jährigen Geschichte sucht Ash nach Antworten auf eine Frage, die nicht nur den Westen bewegt: Wie kann das postrevolutionäre islamische Regime, allmählich oder abrupt, durch die gesellschaftlichen oder politischen Kräfte des Landes verändert werden? Das Wort „Reform“ hörte Ash während seiner Reise unzählige Male und merkte bald, dass damit die unterschiedlichsten Dinge gemeint waren: Die ideologische Debatte unter islamischen Intellektuellen befasst sich mit dem, was in der kommunistischen Welt als „Revisionismus“ bezeichnet wurde – dem Versuch einer Revision der staatstragenden Ideologie. Und ebenso wie die Ansichten der Revisionisten im Polen der 50er Jahre Teil einer umfassenderen Debatte über den internationalen Kommunismus waren, haben die Ansichten iranischer Revisionisten Bedeutung auch für den internationalen Islam.

Ash stellt fest, dass zwar offenbar viele Iraner genug haben von einem als Staatsreligion verordneten Islam, die islamische Ideologie aber als Thema keineswegs passé ist, so wie es die kommunistische Ideologie im Mitteleuropa der 80er Jahre war. Für Ash, der hautnah mitverfolgt hat, wie aus posttotalitären oder autoritären Diktaturen in Europa, Lateinamerika oder Südafrika allmählich weniger repressive Staaten und schließlich Demokratien wurden, lautet auch im Iran die entscheidende Frage: Welche Kräfte innerhalb der iranischen Gesellschaft können friedlichen sozialen Druck ausüben, der zum allmählichen Wandel des Regimes führt? Die Antwort fällt ernüchternd aus: Die iranischen Industriearbeiter machen bislang keine Anstalten, sich zu organisieren, wie es vor 25 Jahren die polnischen Kollegen in der Solidarnosc- Bewegung taten. Für die von hoher Arbeitslosigkeit geplagten Bauern wie für die reichen, westlich orientierten Geschäftsleute gilt dasselbe. Ash vermutet jedoch, dass sie im Moment des Umbruchs die Opposition unterstützen würden, wie es die Oligarchen in Serbien und der Ukraine taten, aber eben nicht vorher.

Daher bleiben in Ashs Augen einzig die jungen Menschen unter 30 als Reformkräfte übrig – die Enkel der Revolution, die zwei Drittel der 70 Millionen Einwohner ausmachen. Und das aus einem Grund, für den das iranische Regime selbst die Verantwortung trägt: Ein Vierteljahrhundert hat es mittlerweile darauf verwandt, die jungen Iraner auf eine islamische, antiamerikanische, antiwestliche, antiisraelische Haltung einzuschwören. Die Ironie: Ebendies führte dazu, dass die meisten Jugendlichen heute große Vorbehalte gegenüber dem Islam in seiner derzeitigen, vom Staat aufgezwungenen Form haben. Und vor allem: Sie sind ziemlich amerikafreundlich und betrachten Israel mit interessiertem Wohlwollen.

Auf Dauer scheint sich das repressive Regime also mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. Es wäre nicht das erste Mal in der Geschichte, wie Ashs Berichte eindrucksvoll zeigen. Denn bereits die Französische und Russische Revolution haben bekanntlich ihre eigenen Kinder gefressen. Daher sieht Ash den Tag kommen, an dem die Enkel auch die Islamische Revolution verschlingen. Ihre „grüne Bewegung“ wurde zwar 2009 niedergeschlagen. Aber auch hier hat Ash die Geschichte gelehrt, dass dies bei derlei gewaltlosen Bewegungen oft beim ersten Versuch der Fall ist. Auf lange Sicht könne sich ihre „soft power“ jedoch als wirkungsvoller erweisen als „45 Divisionen US-Marines“. Daher will Ash auch nach den jüngsten Reformrückschlägen im Iran bei seiner Prophezeiung bleiben. Die Geschichte dürfte ihm der Statistik nach recht geben – wieder einmal.







– Timothy Garton Ash:
Jahrhundertwende. Weltpolitische Betrachtungen 2000- 2010. Carl Hanser Verlag, München 2010. 491 Seiten, 25,90 Euro.

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