Enoch zu Guttenberg dirigiert Verdis Requiem : Schauer der Stille

Enoch zu Guttenberg sucht Extreme. Mit seiner Interpretation von Verdis Requiem, zusammen mit dem Orchester der KlangVerwaltung, gelingt ihm eine kontrolliert herbeigeführte Klangexplosion.

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Enoch zu Guttenberg.
Enoch zu Guttenberg.Foto: MC Hurek

Als Enoch zu Guttenberg zuletzt Verdis Requiem in der Philharmonie dirigierte, hatte sich der Scharoun-Bau in ein Aufmarschgelände des damaligen Verteidigungsministers und seiner Gattin verwandelt: Benefiz im Blitzlichtgewitter. Darin stand stoisch und auch stolz ein unbequemer Dirigent. Nun sind die Promis weitergezogen, aber der Freiherr ist zurück mit seinen beiden Leib-Ensembles: der Chorgemeinschaft Neubeuern, die Guttenberg seit beinahe einem halben Jahrhundert beeindruckend formt, und dem Orchester der KlangVerwaltung, deren sperriger Name für einen Kreis exzellenter Musiker steht, die ihren Chef auf Händen tragen.

Guttenbergs Konzerte leben von einer familiären Vertrautheit der Beteiligten, die sich keinesfalls in Gemütlichkeit niederschlägt. Und von der Widerständigkeit eines Musikers, der Extreme sucht, ohne dabei die Bindung zur Scholle zu verlieren. Mit seiner Interpretation von Verdis Requiem gelingt es ihm tatsächlich, seine Zuhörer in die gleiche Ungläubigkeit zu stürzen, die den Komponisten beherrschte. In eine Todesbesessenheit, die an ein Leben danach nicht mehr zu glauben vermag. Wie aus dem Nichts beginnt diese schwarze Messe, um Ruhe bittend, die sie niemals finden wird. Das „Dies irae“ bricht vernichtend los, und Guttenbergs Posaunen pflügen ins Erdreich. Das ganze eine kontrolliert herbeigeführte Klangexplosion, die in ihrem Rücken eine schauerliche Stille aufreißt.

Guttenbergs Kalkül geht auf

Zartere Italianità sucht man bei Guttenberg vergeblich, er hält sie schlicht für fehl am Platz. Wie Verdi liebt er die alte Lithurgie, mit einem Trost im Glauben sollte das aber keiner verwechseln. Die Chorgemeinschaft in ihren Konzert-Dirndln und -Jankern entfacht einen erdigen Druck, der an Orffs „Carmina burana“ denken lässt. Bei derart wuchtiger, in sich absolut stimmiger Ensemblekunst hat es das Solistenquartett naturgemäß schwer, auch weil Guttenberg sein Konzept nicht durch Opernattitüden aufgeweicht hören wollte.

Am beherztesten geht noch Bassist Günther Groissböck den allgegenwärtigen Tod an, während Sarah Ferede ihren Alt in scheuer Demut allzu sehr versteckt. Hervortun kann sich hier niemand, das ist faszinierend, droht aber auch fad zu werden. Dass das Kalkül des „romtreuen Agnostikers“ Guttenberg dennoch aufgeht, verdankt er vor allem dem bewunderungswürdigen Musikern der KlangVerwaltung. Sie glauben hörbar an ihren Dirigenten.

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