Kultur : Enquete-Kommission: 13 Kilogramm Vergangenheit

Karl Pettenpohl

Dies ist objektiv ein gewichtiges Werk: Knapp 13 Kilogramm bringen die acht Bände der Enquete-Kommission "Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozess der deutschen Einheit" auf die Waage. Auf fast 14 000 Seiten verteilt sich, was im Auftrag des Deutschen Bundestages zusammengetragen wurde.

In den Jahren 1995 und 1998 hörte die Kommission 292 Sachverständige, Zeitzeugen und Politiker, außerdem holte sie 160 Gutachten und Expertisen ein. Am Anfang standen jedoch im Bundestag parlamentarische Präliminarien und Debatten über die inhaltliche Ausrichtung an. Darüber informiert der erste Band.

Mit dem Thema "Opfer, Eliten-Wechsel, Justizielle Aufarbeitung"? beschäftigt sich der zweite Band. Für die Opfer sind die Folgen von politischer Repression und subtilem Terror noch immer spürbar. Zwar gibt es die beiden SED-Unrechtsbereinigungsgesetze, die reichen jedoch nach Meinung von Experten nicht aus. So bleibe es eine Aufgabe, Lücken in der Gesetzgebung zu schließen.

Im dritten Band ("Wirtschafts-, Sozial- und Umweltpolitik") wird einmal mehr klar, dass die tief greifenden Folgen des völligen Ruins der DDR-Wirtschaft nicht beseitigt und Fortschritte aus eigener Kraft nicht zu erreichen waren. Viele Qualifizierte suchten deshalb das Weite. Wegen der anhaltenden ökonomischen Misere ließen sich seit 1990/91 etwa eine Million Menschen aus Ostdeutschland im wohlhabenderen Westen nieder - ein Aderlass, der empfindliche Lücken hinterließ.

Mit "Bildung, Wissenschaft, Kultur" beschäftigte sich die Kommission im vierten Band. Gewarnt wird darin davor, DDR-Kulturgeschichte mit der staatlich gewollten Kulturpolitik zu verwechseln. Sichtbar wird allerdings auch, dass die Anpassung mancher Künstler, Schriftsteller und Maler über das ethisch zu rechtfertigende Maß hinausging, wie viele Stasi-Fälle beweisen.

Nicht nur hier, sondern auch bei anderen Themen der Vergangenheitsaufarbeitung könnten die ostdeutschen Medien als Institution der politischen Willensbildung und Forum für Debatten aufklärend wirken. Doch auch dort wirkt das Vergangene fort, in den Zeitungen zum Beispiel war der Elitenwechsel nur halbherzig. Einige Experten klagten, dass die Kritikfähigkeit der für die Diktatur, nicht aber für die Demokratie ausgebildeten Journalisten an der neuen politischen Ordnung ausgeprägter sei als an der jüngsten Vergangenheit.

Die Frage nach der Nische

War das "Alltagsleben" eine Nische? Im fünften Band konkurrieren verschiedene Interpretationen der DDR-Gesellschaft. War sie nun eine "durchherrschte" (Jürgen Kocka) oder eine "stillgelegte" (Sigrid Meuschel) Gesellschaft? Für diese und weitere Interpretationen ließen sich gute Gründe, aber auch Gegenargumente finden.

Als Gedächtnis einer Gesellschaft haben die Archivalien der untergegangenen DDR für die Forschung und die Aufarbeitung der Geschichte einen besonderen Rang. Diesem Thema widmet sich der sechste Band. Ohne die Tätigkeit in den Archiven wären zahlreiche wichtige Forschungsarbeiten - zum Beispiel über Opposition, SED und Stasi - nicht zu Stande gekommen.

Die Archive der Bürgerbewegungen, die an Ort und Stelle als gesellschaftliches Gewissen die demokratische Vergangenheitsdebatte mit Material versorgen könnten, leiden oft unter technischen, personellen und räumlichen Problemen. Das ist bedauerlich. Denn die "Künftige Aufarbeitung", so heißt der siebente Band, sei für die Etablierung von Demokratie und Rechtsstaat unverzichtbar, wie Sachverständige und Politiker übereinstimmend betonten. Hier erfüllten die Aufarbeitungsinitiativen, die personell aus der Bürgerbewegung und den Oppositionsgruppen hervorgegangen seien, eine wichtige Aufgabe. Internationale Aspekte der deutschen Teilung und ihrer Überwindung behandelt der achte Band mit dem Titel "Deutschland in Europa".

Dieser letzte Band stellt die Geschichte des schleichenden Untergangs des einst so fest gefügt geglaubten Ostblocks und der Supermacht Sowjetunion dar. Zu ihr gehört in der Darstellung auch der gescheiterte Versuch der von SED-PDS und den früheren Blockparteien gebildeten ersten Regierung unter Hans Modrow, die DDR als eigenen Staat zu erhalten. Das Volk entschied sich gegen dieses Herrschaftssystem - und bleibt doch durch die Diktatur der Lüge und der Angst geprägt.

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