Kultur : Entdeckung der Wirklichkeit

Seit 30 Jahren betreibt Klaus Märtens in Berlin seine Galerie Taube. Eine Jubiläumsausstellung

Ulrich Clewing

Für seine erste Ausstellung brauchte es einiges an Überzeugungskraft und guten Argumenten. Erst als er seinen Kommilitonen versprochen hatte, auch die Galeriemiete zu übernehmen, waren Markus Lüpertz und Karl-Horst Hödicke bereit, Klaus Märtens gewähren zu lassen. Und so kamen die Maler Edwin Dickman und Eberhard Franke im Sommer 1964 dann doch noch zu ihrem Auftritt in der damals gerade gegründeten, inzwischen längst legendären Selbsthilfegalerie Großgörschen 35.

Das gewisse Quäntchen Hartnäckigkeit bei der Durchsetzung seiner Ziele hat Märtens sich bewahrt – man könnte diese aber auch Treue nennen: Heute, fast vierzig Jahre danach, gehören Dickman und Franke immer noch zu den Künstlern, die der Galerist, der selbst einmal Maler war, allen Widerständen und wechselnden Moden zum Trotz vehement vertritt. Als Märtens 1958 von Nordrhein-Westfalen nach Berlin übersiedelte, um hier Kunst zu studieren, malte alle Welt ungegenständlich. Lyrische Abstraktion hieß das seinerzeit: selbstvergessene Pinselschwünge auf vorgrundierter Leinwand, in denen man kosmische Kräfte walten sehen konnte oder die Armbewegung des Malers. Eine Zeit lang tat Märtens das Gleiche, zog 1961 sogar für ein halbes Jahr nach Paris, ins Mekka der informellen Malerei, um die neuesten künstlerischen Strömungen kennen zu lernen.

Doch irgendwann hatte er genug davon. Die abstrakte Malerei erschien ihm zu beliebig, und so wandte er sich jener Kunst zu, die ihn seitdem fasziniert: dem Realismus. Bewegte Jahre folgten. Märtens gab das Malen auf, wurde Fotograf für andere Maler, organisierte hin und wieder eine Schau an wechselnden Orten. Und gründete schließlich, fast auf die Woche genau vor dreißig Jahren, zusammen mit der Frau eines Freundes seine eigene Galerie: die Galerie Taube in der Pariser Straße in Wilmersdorf.

Einhundertneunundachtzig durchnummerierte Ausstellungen hat der Galerist seit 1973 auf die Beine gestellt und dabei immer darauf geachtet, dass er Bilder zeigt, die er „selber gerne gemalt hätte“. Dazu erschienen kleine, liebevoll gestaltete Kataloge, und wenn man sich die alten Preislisten ansieht, wird klar, dass man kein reicher Mann sein musste, um sich hier etwas leisten zu können. Denn das ist die Kehrseite der Künstlertreue: Wenn die Kunstrichtung, die man vertritt, nicht mehr en vogue ist, sinken auch die Preise, bleiben Talente unbekannt.

Dabei hat Märtens etliche Entdeckungen gemacht auf seiner Suche nach Bildern, die Aufschluss über „die Wirklichkeit geben, soweit sie augenscheinlich“ ist. Da wäre zum Beispiel der gebürtige Hannoveraner Eddy Smith, ein eindrucksvoller magischer Realist und Fantast, der 1957 in Berlin starb und vollkommen zu Unrecht vergessen ist. Da wäre auch der vor allem als Zeichner herausragende Rudi Lesser (1901–1988), der seit den zwanziger Jahren feine Porträts schuf. Und da wäre die Fotografie: Märtens hat Karl Blossfeldt ausgestellt, Albert Renger-Patzsch und die große Lotte Jacobi, als die noch kaum einer ernst nehmen wollte.

Doch Klaus Märtens wäre nicht Klaus Märtens, würde ihn Desinteresse sonderlich verunsichern. Er hat sich den Blick des Künstlers bewahrt, der Kunst als lebenslange Entscheidung versteht. Dass seine Vorlieben manchmal die Grenze zur Süßlichkeit berühren, stört ihn nicht, solange es sich um Größen wie Conrad Felixmüller handelt, den Expressionisten, der im Alter milde wurde. Märtens weiß, was er will – und was nicht. Und so ist ihm auch die aktuelle Berliner Kunstszene größtenteils ziemlich egal. Was ihn allerdings bisweilen irritieren könnte, ist der Umstand, dass es sich andersherum genauso verhält.

Galerie Taube, Pariser Straße 54, Ausstellung zum 30-jährigen Jubiläum, bis 23. August. Dienstag bis Freitag 16–19 Uhr, Sonnabend 11–14 Uhr.

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