Kultur : Entdeckungslust

BORIS KEHRMANN

"Morgenstimmung", "Åses Tod", "Anitras Tanz", "In der Halle des Bergkönigs": die für den Konzertgebrauch bearbeiteten Sätze der beiden populären "Peer Gynt"-Suiten führen ein Eigenleben im kollektiven Musikgedächtnis.Entnommen sind sie jedoch der dreimal so umfangreichen Schauspielmusik, die Henrik Ibsen 1874 bei seinem Landsmann Edvard Grieg bestellte, um aus seinem erfolgreichen Lesedrama "Peer Gynt" mit Hilfe von Musik einen ebenso erfolgreichen Theaterabend zu machen.Gutgelaunt führten Vladimir Ashkenazy und das Deutsche Symphonie-Orchester die Evergreens in der Philharmonie nun auf ihre originale Gestalt und in ihren ursprünglichen Zusammenhang zurück - ein beglückendes Erlebnis.Aus der kompakten sinfonischen Partitur der Suiten wurde eine quecksilbrig sprudelnde, figuren- und formenreiche Bilderfolge voll mutwilliger Einfälle und Rösselsprünge.Altbekanntes erschien in frischer Gestalt: der furiose Groteskmarsch des Trollkönigs erfuhr eine geniale Steigerung durch die "Schlachtet ihn"-Einwürfe wutschnaubender Troll-Chöre (der auf 30 Sängerinnen und Sänger reduzierte Rundfunkchor Berlin unter Ulrike Grosch entwickelt hier anfangs nicht die nötige Durchschlagskraft).Frauenchöre und Anitras Soli (überzeugend: Tatjana Sotin) ersangen dem Arabischen Tanz mit dem Text ein Plus an erotischer und ironischer Vieldeutigkeit.Solveigs Lied kann nur in der originalen Vokal-Fassung jene erschütternde Wirkung erzielen, die in den Instrumentalbearbeitungen schnell in Salon-Kitsch kippt.

Umgekehrt gab es unter den 24 Nummern viel unbekannte Musik von mitreißender Qualität zu entdecken, allen voran die durchkomponierte Szene, in der Peer Gynt drei liebestollen Sennerinnen nachstellt, und das große Finale mit Solveigs Wiegenlied, ein Kleinod der Orchesterliedkunst, mit deren verzwickter Harmonik Clarry Bartha allerdings nicht ganz mühelos zurechtkam.Zu den Besonderheiten der erstaunlich dichten Partitur, die sich selbst in einer rein konzertanten Aufführung behaupten kann, gehört der Umstand, daß sie dem Titelhelden mit Ausnahme einer dandyhaften Serenade eine reine Sprechrolle zuweist.Der junge dänische Bariton Morten Ernst Lassen entledigte sich seiner unkonventionellen Aufgabe mit bewundernswerter deutscher Diktion.Die volle Natürlichkeit einer Idealinterpretation erreichte er nicht.Daß das Melodram eine eigenständige Kunstform ist, die zu ihrer vollen Entfaltung nicht anders als der Liedgesang eigener Schulung bedarf, wurde hier erneut deutlich.

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