Kultur : Entdeckungsreisen ins Ungewisse

ELFI KREIS

Immer wieder wird Dieter Goltzsche gefragt, was er in erster Linie sei: Grafiker, Zeichner oder Maler? Mit schelmischem Lächeln pflegt er zu antworten, er sei Kolorist.Der Grafiker arbeitet mit dem Zeichner, der Zeichner mit dem Maler Hand in Hand.Oft entwickelt er das eine aus dem anderen: "Es gibt beim Zeichnen eine Verknüpfungstechnik wie bei krummen Nägeln in einer Kiste."

"Die eingegrabene Stimmgabel" nennt die Galerie Leo.Coppi ihre Ausstellung und bezieht sich damit auf den Titel eines der neuen Blätter von Goltzsche.Die Schau zeigt Lithografien, Radierungen und Aquarelle, Arbeiten mit Tempera, Tusche und Tinte, Feder-, Farbstift- und Pastellzeichnungen (650 DM bis 4900 DM).Das Motiv des "Spiegels" kommt gleich zweimal vor: Auf Papier konzentriert sich Goltzsche auf die vor dem Spiegel stehende menschliche Figur.Er bindet sie ein in ein schemenhaft angedeutetes Interieur, das eine Metamorphose ins Ornamentale erfährt (4000 DM).Bei dem Gemälde (16 000 DM) faßt er das Thema abstrakter, im Sinne komplex verschachtelter Farbräume auf.Sparsam gesetzte Linien geben den transparenten Farbfeldern kompositorischen Halt und verankern sie in der Fläche.

Bei farbigen Blättern geht Goltzsche vielfach von Monotypie, Lithografie, Siebdruck oder Kombinationen verschiedener Grafiktechniken aus, die er anschließend übermalt.Wie Grafisches und Malerisches harmonisch zusammenspielt, wird besonders bei seinen "Durchdruckzeichnungen" deutlich.Goltzsche legt das Blatt auf eine mit Farbe präparierte Glasscheibe.Zunächst werden die Hauptlinien mit einem Bleistift auf die Rückseite gezeichnet.Sie drücken sich auf der Vorderseite durch.Es entsteht eine Art Monotypie, deren Strich einen ganz eigenen Charakter hat: Er zeigt hauchfeine, zarte Verästelungen wie bei Tinte auf Löschpapier.Zuletzt wird das Liniengerüst zeichnerisch weiterbearbeitet und aquarelliert.

1934 in Dresden geboren, studierte Goltzsche in den Nachkriegsjahren bei Hans Theo Richter und Max Schwimmer.Die akademische Laufbahn blieb ihm aus Mangel an Linientreue verschlossen.Goltzsche zog in ein ehemaliges Fischerhaus in Köpenick, später nach Friedrichshagen.1980 wurde er Dozent an der Kunsthochschule Weißensee, seit 1992 hat er dort eine Professur inne.Er ist vor allem ein Meister der kleinen Form, des intimen Formats.Zwischen Figuration und Abstraktion geht er seinen eigenen Weg freier Fabulierfreude.

Improvisation wird bei ihm großgeschieben, seine Blätter sind Entdeckungsreisen ins Ungewisse.Vieles hängt an den labyrinthisch verschlungenen, luftigen Lineaturen.Als Leitfaden führt sie Goltzsche vom Zeichenhaften über freischwebende Arabeske und Ornament bis in poetische Regionen des Phantastischen.

Galerie Leo.Coppi, Rosenthaler Straße 40/41, Hackesche Höfe, bis 27.März; Dienstag bis Freitag 11-18.30 Uhr, Sonnabend 12-18 Uhr.

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