Kultur : Ente gut, alles gut

CHRISTIAN SCHRÖDER

Der 16.September 1934 gehört zu den bedeutensten Daten der neueren Kunstgeschichte.An diesem Tag betrat ein Held zum ersten Mal die Bühne, dem noch niemand ansehen konnte, daß er einmal zu den prägenden Gestalten des Jahrhunderts zählen würde.Er hatte riesige, spiegeleiförmige Augen, einen überbreiten Mund, trug den Matrosenanzug über einem birnenartig zulaufenden Körper, und er sagte: "Quak!" Sieger sehen anders aus.Aber auf genau so einen Tölpel hatte die Welt gewartet.Der erste Auftritt von Donald Duck, der zuvor bereits durch den Zeichentrickfilm "The Wise Little Hen" gewatschelt war, wurde in der Comicserie "Silly Symphonies" zu einem Triumph.Die Leser des in Hunderten von amerikanischen Sonntagszeitungen verbreiteten Comics bedrängten die Verlage, daß sie diesen Erpel öfter sehen wollten.Donald Duck stieg zur Hauptfigur der Reihe auf, die dann ab dem Sommer 1937 seinen Namen tragen sollte.A Star was born.

Die Erschaffung des Donald dokumentiert eine kleine, aber vorzügliche Ausstellung, die derzeit im Koblenzer Ludwig Museum zu sehen ist.Unter dem Titel "Ente gut - alles gut" setzt die Schau drei Künstlern ein Denkmal, die lange im Schatten von Walt Disney standen: Carl Barks, Floyd Gottfredson und Al Taliaferro.Das Universum von Entenhausen, dessen Bewohner heute von Sidney bis Singapur, von Paris bis Peking bekannt und beliebt sind, entstammt in seinen wesentlichen Teilen der Phantasie dieser drei Herren.Sie entwickelten die erstmals in den Trickfilmen aufgetauchten Figuren weiter, erfanden neue Helden hinzu, ersannen die Storylines, Dialoge und Gags der Geschichten und zeichneten, tuschten und kolorierten selber Zehntausende der Strips.Doch der Ruhm ihrer Arbeit blieb den Chefzeichnern des kalifornischen Unterhaltungskonzerns lange Zeit versagt.

Ihre künstlerische Handschrift verschwand hinter der Corporate Identy des Studios.Die Fans sollten glauben, daß jeder Comic von Walt Disney persönlich stamme.Deshalb tauchten die Namen der Zeichner niemals in den Heften auf, deshalb verbot ihnen ihr Arbeitgeber, die Originale ihrer Zeichnungen zu signieren, als Sammler dafür horrende Summen boten.Dabei war ihre Entlohnung lausig.Ursprünglich wurden die Beschäftigten der Comicabteilung viel schlechter bezahlt als die Angestellten des Zeichentrickstudios, bis dann die Gewerkschaft in den vierziger Jahren einen Tariflohn durchsetzte, der dem Mindestlohn eines Trickzeichners entsprach.Wöchentlich hatten die Zeichner ihre fertigen Strips abzuliefern, Urlaub machen durfte nur, wer vorgearbeitet hatte.Allein Carl Barks, der seine 1986 und 1969 verstorbenen Kollegen Gottfredson und Taliaferro überlebt hat, konnte in seinen späten Jahren noch vom Kult profitieren.Die kitschig-grellen Gemälde, auf denen der Pensionär Donald, Daisy und Daniel Düsentrieb in Ölfarben festhält, erzielen auf Auktionen fünfstellige Dollarbeträge.Von einem überdimensionalen Porträt des Fotografen Gottfried Helnwein blickt der Vater von Dagobert Duck auf die Vitrinen der Koblenzer Ausstellung hinab: ein freundlich dreinschauender alter Herr mit dicker Hornbrille und buschigem Bart.Barks lebt 97jährig in Oregon und erfreut sich, so heißt es, bester Gesundheit.

Als Barks 1935 von der Satirezeitschrift "Calgary Eye Opener" als Zeichner und Drehbuchschreiber ins Trickfimstudio von Walt Disney nach Los Angeles wechselte, hatte sich Al Taliaferro - Jahrgang 1905 - dort schon vom Tuschezeichner des Micky-Maus-Strips zum Schöpfer einer eigenen Donald-Duck-Serie hochgearbeitet.Der Donald, so wie wir ihn heute kennen, ist weitgehend sein Werk.In den 38 Jahren, die Taliaferro für Disney zeichnete, schuf er 2 089 abgeschlossene Geschichten für die Sonntagsseiten der amerikanischen Zeitungen sowie 10 312 täglich fortgesetzte Comicstreifen.Donald, dessen Schnabel in den ersten Jahren noch ein wenig spitzer, der Körper etwas schlanker war, war von Anfang an eine Art Jedermann mit Bürzelarsch.Ein Erpel wie du und ich, der stellvertretend den Kampf gegen die Tücken der Moderne aufnahm.Egal, ob er es mit einem störrischen Klappstuhl, einem revoltierenden Friseursessel oder seinem den Dienst versagenden Auto zu tun hatte: Stets waren es die kleinen Niederlagen, die Donald so sympathisch machten.Ab 1937 stellte Taliaferro ihm die drei Neffen Trick, Tick und Track an die Seite, die mit ihren Streichen Donald immer wieder an den Rand des Nervenzusammenbruchs trieben und der Anfang einer onkelhaft und merkwürdig asexuell wuchernden Sippschaft waren.Die Ideen für seine Comics nahm der Zeichner aus seinem eigenen Alltag.Wenn seine Frau mit einem neuen Hut nach Hause kam, setzte ihn Taliaferro in der nächsten Folge Daisy, Donalds Verlobten, auf.Und Oma Duck war das Ebenbild seiner Schwiegermutter, die auf Besuch kam, um die Enkel zu hüten.

Stärkeren Veränderungen im Lauf seiner nun 70jährigen Biographie war Mickey Maus unterworfen.Sein erster Auftritt in dem Trickfilm "Steamboat Willie" Ende 1928 war ein so überwältigender Erfolg, daß Walt Disney 1929 mehr als ein Dutzend weiterer Filme mit der Maus folgen ließ.1930 fragte der Konzernchef seinen Mitarbeiter Floyd Gottfredson - ebenfalls Jahrgang 1905 -, der ein Jahr zuvor als Zwischenphasenzeichner zum Studio gekommen war, ob er nicht einen Mickey-Maus-Comicstrip vorbereiten und "für ein paar Wochen" übernehmen könne.Daraus wurden 46 Jahre, in denen Gottfredson bis zu seiner Pensionierung 1975 die Federführung an Mickeys Weiterentwicklung besaß.Ursprünglich folgten die Comics den Trickfilmen, die oftmals wiederum als Parodien erfolgreichen Realfilmen folgten.So mußte Mickey etwa als "Jazz Singer" ans Mikrophon treten und immer wieder Abenteuer im Dschungel, im Alten Ägypten oder im Wilden Westen bestehen.Eine Maus gegen den Rest der Welt.Als das aufkommende Fernsehen in der fünfziger Jahren die Comicindustrie in eine Krise stürzte und viele Zeitungen ihre Fortsetzungsgeschichten einstellten, wurden die Mickey-Maus-Strips rundumerneuert.Abgeschlossene Funny Stories ersetzten die Abenteuergeschichten mit ihren Cliffhanger-Übergängen.Und Mickey verwandelte sich in einen unauffälligen Durchschnittsbürger, der seine Reihenhaussiedlung nur selten verließ."Er wurde einfach ein anständiger Kerl und damit langweilig", sagte Gottfredson später in einem Interview.

Die Koblenzer Ausstellung, bestückt mit rund 150 Exponaten aus der Sammlung der Mannheimer Verleger Ina Brockmann und Peter Reichelt, gibt den Blick frei hinter die Kulissen der Disney-Factory.In ihren gläsernen Vitrinen wirken die Bleistiftentwürfe, Tuschezeichnungen und frühen Farbdrucke der drei Comickünstler wie kostbare Altmeistergraphiken.Eine verdiente Ehre: Barks, Gottfredson und Taliaferro sind Meister des zu Ende gehenden Jahrhunderts.

Bis 7.3.im Ludwig Museum Koblenz.Im Verlag Brockmann und Reichelt ist die Biographie "Carl Barks" erschienen (39 DM).

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben