Kultur : Entfesselte Ordnung

SANDRA LUZINA

Malheurs und Malaisen: Alain Platel ist der Inszenator von Pech, Pleiten und Pannen.Seine Compagnie Les Ballets C.(wie Contemporain) de la B.(wie Belgique) und hat mit "Iets op Bach" dem Tanz im August im Hebbel-Theater ein prekäres Ende bereitet.Zeige Deine Wunde? Der Tänzer, der da zu Beginn des Abends an der Rampe steht, ist mit Kunstblut beschmiert, mit Narben bemalt.Jeder aus diesem wilden Haufen hat eine Blessur: ein geschientes Bein, ein bandagierter Busen, ein blindes Auge.Beim Männer-Striptease mit Regenmantel liegt die Blöße hinterm Wundverband verborgen.

Was da so ramponiert daherkommt, ist unsere moderne Freizeitgesellschaft.Der schlechte Geschmack feiert hier Triumphe.Wenn die Protagonisten ihren Lüsten nachgehen, mündet das im dirty talking und dirty dancing.Diesem Treiben wird die Musik von Bach gegenübergestellt, es sind vorwiegend geistliche Kompositionen, die live dargeboten werden.Auch die Sänger müssen scheußliche Hawaii-Hemden tragen, was nur konsequent ist.Alain Platel will die ungeschminkte Wirklichkeit auf der Bühne.Das Leben ist chaotisch, anarchisch, seht es Euch an! Diese art brut des Belgiers hat eine gewisse Unschuld, nicht umsonst läßt Alain Platel auch spielende Kleinkinder über die Bühne tollen.Ein heilloses Durcheinander richtet Alain Platel auf der Bühne an, dies aber nicht, um eine erlösungsbedürftige Menschheit vorzuführen.Die Musik von Bach wird von dem szenischen Tohuwabohu übertönt, dann wieder überstrahlt sie ihrerseits das Getöse.Die Welt ist von Banalität überzogen, doch eher gut gelaunt richtet sich Alain Platel im Trivialen ein.Die Desaster wissen die Überlebenskünstler auf der Bühne gut zu überstehen.Aufregendes hatte das diesjährige Tanzfest nicht zu bieten.Im zehnten Jahr hat der "Tanz im August" aber bewiesen, daß er einen festen Platz im Kulturkalender dieser Stadt hat.Die Vorstellungen waren alle gut besucht.Ein schöner Erfolg für die Veranstalter war es, daß erstmals alle drei Opernhäuser ihre Pforten für das Internationale Tanzfest öffneten.Hier demonstrierte das Nederlands Dans Theater, das sich mit seinen drei Kompagnien einer massiven Präsenz in der Stadt erfreute, wie Ballett auf Spitzenniveau aussieht.

In Berlin wird derzeit um neue Strukturen für ein künftiges Berlin-Ballett gerungen; die vom Publikum enthusiastisch gefeierten Niederländer machten da nochmals die Maßstäbe im Tanz deutlich.Und da war auch ein neuer Tänzertypus zu bewundern: Hier hat jeder das Zeug zum Solisten, hier pirouettierten keine überzüchteten Geschöpfe über die Bühne, hier sah man ganz heutig wirkende Männer und Frauen.An interessanten Gruppenchoreographien fehlte es aber diesmal.Stephen Petronio aus New York demonstrierte, was eine avancierte Bewegungssprache ist.Ansonsten war eher Gefälliges zu sehen oder - als Verweigerung - Verkrampft-Verquältes.Viele tänzerische Alleingänge bot die Reihe "Solomania" - hier wurde immer wieder die Übermacht kultureller Bilder thematisiert, diese massive Körper-Untersuchung hatte mit der Zeit aber etwas Erschöpfendes.

"Iets op Bach" noch einmal am 30.August, 20.30 Uhr im Hebbel-Theater

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