Kultur : Entgrenzt

Die Institutet-Performance „Woman“ am Ballhaus Ost

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Noli me tangere. Adriana Seecker in „Woman“. Foto: Nils Bröer/Ballhaus Ost
Noli me tangere. Adriana Seecker in „Woman“. Foto: Nils Bröer/Ballhaus Ost

Die Erwartungen sind hoch, die Lichter gedimmt. Das Ballhaus Ost hat sich in ein schummrig verrauchtes Diskurscafé verwandelt, Spirituosen stehen auf den runden Tischchen, drei Videofenster lassen in den Wald blicken – und auf eng umschlungene Künstler, die sich im Gras wälzen. Die Performance „Woman“ der deutsch-schwedischen Gruppe Institutet beginnt. Das Kollektiv hat, zusammen mit den finnischen Kollegen von Nya Rampen, den Preis des diesjährigen Impulse-Festivals gewonnen. Für „Conte d’amour“, eine dreistündige Hardcore-Reflexion über Liebe, Abhängigkeit und Inzest, auf der Folie des Fritzl-Falles.

Ein „bedrückendes und intensives Epos“ sah die Impulse-Jury damals. Nun geht’s weiter mit der Durchleuchtung von Triebnatur und Geschlechterabgrund: „Woman“. Der Titel ist durchgestrichen, das Programmheft aufgeladen mit forcierter Gendertheorie. „Woman is an idea, is a concept, is a phantasma.“ Das könnte interessant werden: mehr darüber zu erfahren, ob man vielleicht mit einem Konzept und Phantasma verheiratet ist. Die Ankündigung verspricht außerdem, dass endlich mal diese leidigen „binären Verhältnisse“ hinterfragt werden, welche die heterosexuelle Liebe genauso bestimmen wie jede Kulturveranstaltung. Meint das die schon von Brecht beklagte Mehrheits-Ödnis vorm Theatereingang, „Penis neben Vagina, Penis neben Vagina“, auf die sich der Theatermacher René Pollesch so gern beruft? Egal, es kommt dann alles ganz anders. Die Performer, zwei Frauen, zwei Männer, starten mit einer Art Feldenkrais-Übung zur Körperkonzentration. „I like to see you naked, because you are so sexy“, ruft einer ins Mikrofon. Und es dauert nicht lange, dann sind auch schon alle nackt.

Man könnte angesichts der folgenden, elektrobefeuerten Entgrenzungsspiele allerlei assoziieren: von der Rollenzuschreibung bis zum Pygmalion-Mythos. Vom archaischen Begehren bis zur Tyrannei der Intimität. Nur kommt man vor lauter Angst kaum dazu, weil das autoritäre Prinzip der Performance waltet. Man kennt es als Mitmachtheater. Ständig muss man fürchten, dass einer der Diskurs-Dompteure einen anfasst und irgendwo hinzieht. Oder dass die nackten Performerinnen – eine ist sogar schwanger – sich einem auf den Schoß setzen. Die Institutet-Macher überführen dies in eine schier endlose Salon-Studie zu Pierre Klossowskis Romantrilogie „Die Gesetze der Gastfreundschaft“. Auch da geht es irgendwie um die Metaphysik der Beziehungen. Am Ende, man fasst es kaum, kostümieren sich die Frauen als Hitler und Osama bin Laden und knutschen auf dem Sofa. Und man selbst entdeckt kulturkonservative Sehnsüchte. Nach Theatern mit binären Verhältnissen, in denen keine Frühgeburt auf dem Schoß droht. Patrick Wildermann

Wieder vom 13. bis 16. 10., 20 Uhr

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