Kultur : Enthüllungen um Mitternacht

PETER VON BECKER

Der Mann ist eine Schau.Behender Pykniker, dunkler Anzug, spitze Schuhe, im Gesicht Koteletten wie zwei italienische Stiefel, dazwischen die spitznäsige, schleiereulenäugige Schwermut des Typs gescheiterter Qualtinger oder ewiger Zuhälter.Im wahren Leben dann wohl eher: Sargträger oder Schwarzhändler.Also die untere neue Mitte.Gepaart und gepanzert das alles noch mit der pausbäckigen Hinterfotzigkeit eines Polt, eines Hube und Hader.Kein Wunder, daß er dem bayrisch-österreichisch-allemannischen Biotop entstammt, in dem Genie und Wirrsinn, Kabarett, Kabale und Poesie, Tragödie und Hanswurstiade sich seit Nestroy und Valentin zur erschütternd komischen, lebenswahren Schauspielkunst destilieren.Jockel Tschiersch jedenfalls ist Allgäuer, 41 und Hobbyflieger.Mit knallharter Berlin-Erfahrung (als Gast der "Wühlmäuse", als Autor und Protagonist der SFB-"Bastarde").Ein aufstrebender Absturzkünstler.

Warum sein furioser mitternächtlicher Abend in der Bar jeder Vernunft jetzt "80 Tage Panik" heißt, haben wir zwar nicht völlig verstanden.Aber 80 Minuten tränentreibende, kopfakrobatische Komik sind bei dieser Reise in die Film- und Fernsehwelt garantiert."Jockel Tschiersch liest abgelehnte Filmdrehbücher" lautet der Untertitel - und ohne diese Enthüllungslektüre hätten wir zu so später Stunde nie erfahren, was der Vorabendserie oder den Vorabendserienredakteurshirnen und -hirninnen so üblicherweise zum Opfer fällt.Zum Beispiel Schröder."Schröder, 3 Top-Fotomodelle, 4 namhafte Industrielle sowie mehrere Vertreter des intellektuellen Spektrums der Neuen Mitte bei einem Sightseeingflug an der Oder entlang, über die Ostsee, rauf bis Königsberg." Und, Drehbuch, "Innen: Sekt, Zigarren, Häppchen, Promotion und Fototermin fürs Bundeskanzleramt".

Hier freilich fehlt erkennbar noch der letzte Schuß Dramatik fürs bundesdeutsche Zeitbild, das merkt auch der Produzent.Der Produzent, ein Schwabe, zum Drehbuchautor Jockel T.: "Angschd! Da will I die nackte Angschd säe in dene Auge ..." Und plötzlich bleiben die Motoren stehen.Abstürzende Notlandung auf einem Acker in Polen, direkt an der Oder ("Kann man billig drehen in Brandenburg").Nur drei Menschen überleben: "Schröder, der Industrielle Lopez von VW und Naddel Feldbusch" ("die war Bedingung vom Sender")."3 Menschen, 3 Schicksale auf 1 Acker an der Oder und nichts bei sich als 3 Tüten mit Kartoffelsalat." Jeden Fernseher oder Fernflieger (Lufthansa, Kartoffel, Salat) ergreift darauf ein wohliger Schauder.

Tatsächlich übertrifft das auf dem Oderacker sich nun anbahnende Gespräch über Kartoffeln, Salat und die einzigexistentielle Frage (mit Mayonnaise oder mit Remoulade?) ganz mühelos alle andernorts (in der Berliner Volksbühne) so erfolgreichen Castorfschen Kartoffelsalatschlachten, die ja eigentlich Diskurse waren im dekonstruktivistischen Poststalinismus oder anderen Ären.Hier nämlich fühlen wir, umweglos, ausweglos, nichts als den nackten Puls der postkohlschen Moderne, hier und dort, heute und jetzt: zumal noch drei halbverhungerte polnische Wölfe auftreten, gejagt von drei halbverhungerten polnischen Obdachlosen.Was folgt, ist fast unaussprechlich, aber am Ende werden die bereits mit dem Bordbesteck traktierten Vierbeiner gerettet von einem Hubschrauber des Deutschen Tierschutzbundes.Es geht ab "in die Notaufnahme nach Wolfsburg" - während Schröder und Ignacio Lopez einander umarmend im Oderhochwasser versinken, während Naddel Feldbusch noch im Mondlicht auf den Fluten treibt ...

Und so was wird abgelehnt vom Deutschen Fernsehen! Jockel Tschiersch, bei dem die Post abgeht, immer return to sender, er ist mit nichts weiter bewaffnet als einem Koffer (selbst erfundener) Drehbücher und seinem Talent, sich durch flirrend schnelle Ausdruckswechsel in immer neue (abgelehnte) Rollen zu versetzen.Tschiersch spricht vielzüngig in allen psychosozialen Klangfärbungen: mindestens zehn Dialekte, so schaut und haut er dem stinknormalen Zwangsneurotikern in Deutschland Ost und West ganz wunderbar aufs Maul.Mit einer Phantasie, die das Absurdeste zum Allerwahrscheinlichsten macht.

Ein Stimmenimitator und Szenenspieler, mal dumpfböse wie der Hader-Josef, mal rederasend virtuos wie Hildebrandt.So läßt er zwischen zwei von ihren Geliebten in der Badewanne gefesselten Männern (1 Schriftsteller, 1 Nebenbuhler) den gerade im Stück gesuchten Frauen-Dialog mit einer Diskette versinken, blubbernd, ein Film in Worten.Die Männerwanne aber ist gefüllt mit einer grauen Brühe, "daneben eine leere Tüte und die Aufschrift Schnellbinderzement (SBZ)".Was sich, anders als vermutet, hinter der doppelsinnigen Abkürzung verbirgt, soll freilich nicht verraten werden.So wenig wie die beliebten inneren Organe, zu denen die ZDF-Quotenanalyse derzeit beim "Sujet Medical Thriller und Gesundheitsfilm" tendiert.Das schlägt auf Herz und Hirn und tiefer durch.Sehr stark.Ein Mensch mit vielen Leben, viel zum Lachen.Und was auch nach der Berlinale noch vom Kino bleibt, ist diese beste Late-night-Show in town.

Jeden Freitag und Sonnabend, 22 Uhr 30 in der Bar jeder Vernunft, Schaperstraße 24, Tel.8831582

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