Kultur : Enttarnung

SILIVIA HALLENSLEBEN

Psychogramm eines Spions: Thomas Heises Film "Barluschke"VON SILIVIA HALLENSLEBENDie verklemmt geckenhafte Körperhaltung, der autoritäre Gestus Kindern und Ehefrau gegenüber, die selbstverliebte Attitüde, mit der er das Aufstellen zum Familienfoto zur Ein-Mann-Schau funktionalisiert: Wissen wir nicht schon fast alles über diesen Mann, bevor der Vorspann beginnt? Genug jedenfalls, um ihn nicht zu mögen.Dieser Berthold Barluschke ist ein Ekel, eins von der kulturbeflissenen Sorte, mit Klavierkonzerten, gepflegtem Vollbart und großer Altbauwohnung.Das Selbstmitleid, das andere kübelweise am Tresen ausschütten, bringt er diskreter, doch ebenso penetrant an sein Gegenüber.Berthold Barluschke hat es vom brandenburgischen Dorfjungen bis zum Pariser Boulevard St.Michel geschafft.Das gelingt nicht vielen.Der DDR-Bürger Barluschke hat eine Amerikanerin geheiratet.Er hat seine Fähigkeiten, das war wohl der Preis für den Aufstieg, gewinnbringend verkauft: Erst Industriespionage für die Staatssicherheit in den USA, später dann, rechtzeitig gewendet, für CIA und BND.Als auch da nichts mehr lief, hatte er, so klingt es zumindest an, das Geschäft so gut gelernt, daß er sich noch ein Zubrot verdienen konnte mit Waffenschieberei. Ganz klar wird das alles nicht.Denn während wir mit der detaillierten Bildungsgeschichte von Berts Frau Joanna versorgt werden, bleiben die recht komplizierten und doch wesentlichen Stationen von Barluschkes spätem Lebens in Andeutungen stecken.Immer dann nämlich, wenn es zur Sache kommen könnte, kommt stattdessen ein Schnitt.Thomas Heise hat eine These: Dieser Barluscke, darauf arbeitet dieser Film hin, ist als Mensch hinter seinen Masken abhandengekommen.Doch wie kann man ein "schwarzes Loch" vorführen? Heise läßt die Masken Barlusckes ausführlichst und intimst bis zum Homevideo zu Wort kommen, doch er verwehrt uns Einblick in die Zusammenhänge, die dieses Leben hergestellt haben.Enthält er uns dabei nicht auch genau das vor, was seinen Protagonisten nicht zu einem sympathischen, aber doch zu einem interessanten Menschen gemacht haben könnte? Wird dieser Barluschke genauso entmenschlicht, wie Heise damals, in "Stau", zu Recht, seine jungen Nazis vermenschlicht hat? Nicht Distanzlosigkeit, wie manche ihm vorgeworfen haben, ist das Problem dieses Films, sondern ein Desinteresse am Konkreten. Dabei ist die Informationsverweigerung, die Heise betreibt, als methodischer Ansatz genauso nachvollziehbar, wie sie für die Zuschauer ärgerlich ist.So werden in einer langen zentralen Szene des Films inhaltlich relevante Informationen in Bild, Schrift und auf zwei Tonebenen gleichzeitig so abgehandelt, daß nichts mehr verstanden werden kann.Ein Kunstgriff? Wem soll er dienen? Heise verweist auf das richtige Leben, in dem man ja auch viele Zusammenhänge nicht verstehen könne. "Identität ist eine Mythe" heißt es, ganz am Ende, in der gestelzt archaischen Sprache, die diesen Film stellenweise im Off begleitet.Diese Formulierung zeigt gut die krude Verquickung von vermeintlicher Dekonstruktion und realer Mythisierung, die auch die Krux dieses Films ist.Mußte der arme Barluscke dazu herhalten, eine Banalität zu beweisen? Wer schließlich glaubt heutzutage noch an die Identität.Oder ist das wieder nur ein Ossi-Wessi-Problem? Hackesche Höfe; heute 20 Uhr mit anschließender Diskussion, der Regisseur ist anwesend; ab 31.3.Babylon Mitte.

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