Entwicklung nach der Wende : Unser Weltdorf

Wie sich die Kulturszene seit der Wende entwickelt hat – eine Erfolgsgeschichte mit Widersprüchen.

Rüdiger Schaper
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Seltsame Ängste wuchsen damals in den Köpfen. Kaum war der Winter 1989/90 gekommen und die schockhafte Euphorie über das Unfassbare, den Fall der Mauer, verrauscht, wurden neue Barrieren hochgezogen. Man war sich plötzlich selbst fremd im eigenen Biotop. Die Dreiteilung Bundesrepublik, West-Berlin, DDR hatte sich bequem eingeschliffen. Und nun fürchtete in West wie Ost die Kultur um ihren Besitzstand. Nicht ganz unberechtigt: Die heruntergewirtschafteten Staatlichen Schauspielbühnen überlebten die Vereinigung nicht lange, 1993 wurde das Schiller-Theater liquidiert. Bald darauf verschwand das Theater der Freien Volksbühne von der Bildfläche.

Damit schien Pessimisten der Beweis erbracht, dass die Freudentage des November trügerisch und nur von kurzer Dauer waren. Von wegen Neugier aufeinander. Die beiden Akademien der Künste lieferten sich zähe Rückzugsgefechte, die schließlich zu einer erschöpfenden Fusion führten. Am Deutschen Theater, das im Herbst ’89 bei den Protesten eine treibende Kraft gewesen war, setzten sich die restaurativen Kräfte durch. Visionen, Planungen gar, wie eine vereinigte Kulturstadt Berlin einmal aussehen sollte, existierten nicht. Wie auch? Das hätte wieder nach Diktatur gerochen. Bei Thomas Brussig („Helden wie wir“) war der Mauerfall ein Schelmenroman, bei Thomas Hettche („Nox“) ein erotischer Alptraum. Berlin-Hymnen haben mit Deutschland-Hymen nichts gemein.

Zu den wenigen Orten, wo die Türen aufgerissen wurden, gehörte die Volksbühne. Frank Castorfs Truppe, von Beginn an eine ost-westliche Risikogemeinschaft, verkörperte die Avantgarde eines möglichen neuen Berlin. Ruppig und laut, ursprünglich nur als temporäre Theaterhalle gedacht. Ein gefühltes halbes Leben später ist Castorf dort immer noch Intendant. Kürzlich sagte er in einem ungewöhnlich offenen Gespräch mit dem „Tip“ mit Blick auf die alten Zeiten: „Die Stadt ist nicht mehr heiß und kalt, sie ist cool. Früher war die Volksbühne eine einsame Insel, heute ist hier alles voll mit Labels und Galerien und schicken Restaurants.“ Die Revolution frisst ihre Väter, und die waren damals auch schon älter als all die jungen Neu-Berliner, die sogenannten Kreativen, die jene coole Atmosphäre schaffen und das Image Berlins weltweit prägen. Aber nicht jeder Generation, das vergisst Castorf, ist die grundstürzende Erfahrung eines Mauerfalls gegeben.

In Wahrheit hat eine Revolution nach 1989 gar nicht stattgefunden. Vielmehr eine aus dem Stand beschleunigte Evolution. Die Angst um den Klassenerhalt hat sich als unbegründet erwiesen. Von oben betrachtet – und zum 20. Jahrestag des Mauerfalls ist die positivistische Perspektive einmal hilfreich – zeigt sich Berlin im internationalen Maßstab als kultureller Gigant. Trotz des Gezerres um die Opernstiftung: Die drei großen Musiktheater sind intakt. Die Probleme der Orchester wirken, wenn man nur einen Schritt zurücktritt, wie schierer Luxus. Berlins Reichtum verleitet zu Phantomsorgen.

In kaum einer anderen Metropole wird Kulturpolitik so wichtig genommen wie in Berlin. Dabei geht es gut ohne. Ob der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit seine Kunsthalle bekommt oder nicht, Berlins Kunst- und Galerienszene hat ihren anhaltenden Aufschwung aus eigener Kraft geschafft. Ähnliches gilt für die Literatur. Suhrkamps Umzug nach Berlin, der Nobelpreis für Herta Müller: Die Stadt schreibt sich ein in die Weltliteratur, immer wieder seit den Tagen Döblins, Benjamins, Brechts. Es hat viel mit Kultur zu tun, wenig mit Politik. Anders gesagt: Großstädtische Kulturpolitik nimmt den Globalisierungsdruck positiv auf.

Inzwischen bestimmen kleinere, multidisziplinäre Institutionen wie das Hebbel am Ufer, das 1989 gegründete Haus der Kulturen der Welt, das weitgehend privat organisierte Radialsystem und die Kunst-Werke mehr und mehr das Bild. Staatliche Förderung wird hier unmittelbar umgesetzt. Beweglichen Häusern gehört die Zukunft.

Die Mauer war endlich weg, doch es wurde in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten planerisch gemauert. Man hält krampfhaft an einem überkommenen Stadtbild fest. Die schwache Seite der Hauptstadt ist die Architektur. Während die Wiedergewinnung der Museumsinsel mit dem Bode-Museum und dem jüngst eingeweihten Neuen Museum zu den großen Glückserlebnissen seit dem Mauerfall gehört, sind kaum herausragende Neubauten entstanden, sieht man einmal vom Jüdischen Museum und dem Hauptbahnhof ab. Vor ein paar Tagen erst wurde in Friedrichshain die Verhinderung eines Hochhauses gefeiert – wie peinlich und provinziell!

Ins Leere ging das „Plädoyer für eine neue Baupolitik“ des Architekten Hans Kollhoff aus dem Jahr 1990: „Nicht Stadtreparatur ist gefragt mit mühsam zusammengekratzten Mitteln, sondern Stadtbau, der die Kraft des Neubeginns nutzt (...) Rein defensive Lenkung ist schlecht. Bisher gab es in Berlin nur eine Verhinderungsplanung. Sie war unfähig, Szenarien zu entwickeln, etwas in Gang zu bringen.“ Am Potsdamer Platz, wo auch Kollhoff nach der Wende gebaut hat, in den vorgegebenen engen Grenzen, steht diese defensive Haltung in Beton gegossen. Der größte Triumph der uninspirierten und kleinmütigen „Stadtreparatur“ wird eines noch fernen Tages das wiederaufgebaute Stadtschloss sein.

Auf Berliner Bühnen scheint alles möglich. Es existieren im Kulturbetrieb der deutschen Hauptstadt keine Tabus und Traufhöhen. Der „Idomeneo“-Skandal an der Deutschen Oper war da die Ausnahme, nicht die Regel. Es zieht Künstler aus aller Welt und allen Bereichen hierher, und manchmal fragt man sich, wer all diese Angebote wahrnehmen kann.

Betrachtet man das gebaute Berlin, die alte und die neue Steinwüste, wirkt die Stadt zwar riesig und nicht enden wollend, aber weder prachtvoll noch sonderlich modern. Die Hardware gleicht einem Kopf mit flacher Stirn. Doch was dahinter passiert, die Explosivität der Kulturstadt, die stets sich erneuernde Software, das sucht seinesgleichen. Es war ein ebenso passendes wie poetisches Bild, als sich im Oktober die beiden Riesen der französischen Artistentruppe Royal de Luxe durch die Stadt schoben. Hunderttausende Zuschauer haben es erlebt. Sanfte Giganten, anrührende Symbol- und Fabelwesen, Besuch von einem anderen Stern. Die Berliner Festspiele haben damit den Geist der Stadt eingefangen wie einst Christos magisch verhüllter Reichstag.

Manchmal braucht man solche überlebensgroßen Manifestationen, um die Zeit anzuhalten, die seit 1989 wie mit einem Turbo läuft.

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