Entwürfe ausgestellt : Einheitsdenkmal: Tross und Reiter

532 mal Deutschland: Die Ausstellung der Entwürfe für das Einheitsdenkmal beweist vor allem Fantasie.

Christina Tilmann

Die Ausstellung mit den Entwürfen zum Einheits- und Freiheitsdenkmal ist, auf ihre Art, ganz großartig. Dass die Jury sich auf keinen Kandidaten für die nächste Runde einigen konnte: geschenkt. Dass man kaum einen der 532 Entwürfe später wirklich gebaut sehen möchte: auch geschenkt. Aber 532 Entwürfe, dass heißt 532-mal Fantasie. Symbolik. Eleganz. Schönheit. Peinlichkeit. Unzulänglichkeit. Überraschung. 532 Mal Nachdenken über Deutschland und über das so unfassbare Ereignis, das nun zwanzig Jahre zurückliegt. So viel Nachdenken wurde dem Thema noch nie zuteil.

Am Ende war es doch die richtige Entscheidung, den Wettbewerb so offen und unbeschränkt zu halten. Und es ist richtig, die Entwürfe nun in der Öffentlichkeit zu zeigen, auch wenn sich einzelne Künstler dadurch diskriminiert fühlen. Die Jury hat ein Urteil gefällt – jeder Besucher fällt das seine. Und nicht alles ist schlecht, und vieles ist vielleicht schlecht, aber ausgesprochen produktiv.

So wird der Rundgang durch die eng gesetzten Stellwände voller Entwürfe – die ab heute unter www.bbr.bund.de auch im Internet einzusehen sind – zum Rundgang durch alle Formen der Denkmalsymbolik – alters-, generations- und landestypische Differenzen inbegriffen. Nimmt man die offensichtlichen Quatsch- und Spaßdenkmäler einmal aus: Schlümpfe auf einem Sockel, eine goldene Banane, Giraffen im Zoo, eine Torte aus verschiedenen Stücken oder eine Freiheitsstatue namens „Blechtrommlerin“, die einen Zauberwürfel in der Hand hält, dann zeichnen sich mehrere Hauptwege ab.

Am schwersten taten sich die, die den problematischen Ort, den Sockel des alten Kaiser-Wilhelm-Denkmals, sozusagen wörtlich genommen haben. Also ein neues Denkmal mit Sockel geschaffen haben, wahlweise ein Reiter auf dem Pferd, ein Pferd ohne Reiter, ein müder Reiter, ein Reiter, der sein Pferd trägt, oder eine riesenhohe Stele mit Pickelhaube darauf. Dass der zentrale Ort gegenüber dem Schloss historisch falsch konnotiert ist, an solchen Entwürfen wird das augenfällig. Hier besteht noch Diskussionsbedarf.

Das breite Mittelfeld allerdings wählt den einfachsten Weg, flüchtet sich in Abstraktion und Geometrie. Es gibt eine Vielzahl von Ringen, Kugeln, Kuben, Stelen, Stegen, Möbiusschleifen, Plattformen, Kolonnaden und Türmen. Wahlweise in reflektierendem Gold, farbigem Glas, rostigem Metall, durchbrochenem Stein. Denkmalästhetik auf der Höhe der Zeit, entworfen auch von ArchitekturStarbüros wie Graft oder Sergei Tchoban. Auffällig viele solcher Entwürfe hat die Jury in die engere Auswahl genommen, bevor sie am zweiten Tag das Handtuch warf. Ein solches Denkmal schmückt seinen Ort, fotografiert sich gut und tut nicht weh. Mahnen, gedenken, ehren tut es allerdings auch nicht.

Das andere Extrem wird offenbar vor allem von Künstlern aus dem Ostteil Deutschlands bedient. Klassische Skulpturen von geradezu rührender Deutlichkeit. Ein Vater, der sein Kind auf den Schultern trägt, zwei Hände, die eine Glocke halten, eine „in Freiheit und Einheit schreitende“ Frau, tanzende Kinder, Menschen, die einen Schlüssel zur Freiheit tragen oder auf Mauern sitzen, ein Mann, der flehend die Hände hebt, und natürlich die Taube des Friedens und der Freiheit. Hier macht sich eine spezifische Bildtradition bemerkbar, eine, die den Mut zum Konkreten erfordert – heute schmerzhaft unzeitgemäß. Doch Einheit heißt auch das Aushalten der unterschiedlichen Ästhetik.

Natürlich darf jede Menge Natur- und Kitschsymbolik nicht fehlen, Regenbögen, Blumen- und Blütenkelche, bis hin zu Eizellen, seidenen Fäden, Schmetterlingshäusern und dem in die Spree mündenden Fluss der Erinnerung. Mengenweise Bäume, die in den Himmel wachsen, auch Axel Schultes hat mit Charlotte Frank ein monumentales Baumelement entworfen; ebenfalls botanisch ist ein Querschnitt durch deutsche Erde, von 1848 bis 1989. Das ist dann doch zu viel der Tiefenbohrung – und zeigt, wie überladen das Projekt durch das Ansinnen wurde, bitte doch gleich die ganze deutsche Freiheitsgeschichte zu spiegeln. Das endet oft in historischen Tafeln, Stelen, Textelementen, die das Denkmal selbst bereits zum zusätzlich geforderten Ort der Information machen. Wie es an Textvorschlägen ohnehin nicht mangelt. Simpel, aber beliebt, ist das Spiel mit den Worten „Einheit“ und „Freiheit“, als Ring, als Skulptur, als Kubus, als Projektion, oder auch „Wir sind das Volk“ bzw. „Wir sind ein Volk“. Ehrlich der Vorschlag, doch einfach eine Textzeile in den Boden einzulassen „Deutschland sagt ,Danke’ allen Agitatoren der friedlichen Revolution 1989“. Das erinnert an Hans Haackes Arbeit „Der Bevölkerung“ im Reichstag, aber auch an das Rosa-Luxemburg-Denkmal vor der Volksbühne – so wie andere Entwürfe mit ihren Stelenwäldern und schiefen Ebenen noch an ganz andere Denkmäler erinnern.

Doch lieber simple Schrift als Nationalsymbole wie übergroße Flaggen (auch wenn sie aus Blumenvasen ragen), Flammenschalen, Obelisken und Säulenordnungen. Dass sich hier eine Nation ein Denkmal setzt, die Denkmälern und dem staatlichen Pomp, der mit ihnen einhergeht, eigentlich gerade abgeschworen hatte – auch das müsste so ein Denkmal eigentlich reflektieren.

So ist das Ergebnis ein Monument des Scheiterns wie auch des verheißungsvollen Beginns: eine Ausstellung, die eher spaltet und trennt als vereint, und die doch das Reden und Nachdenken über die Bilder, in denen wir uns wiedererkennen, befördern könnte. Sollte dabei herauskommen, dass die dann doch noch nicht so lange vereinte Nation sich nicht auf eine gemeinsame Bildsprache einigen kann – was wäre damit verloren? Man mache ein schönes Buch aus den Entwürfen, das späteren Symbolforschern Freude bereiten dürfte, und warte noch einmal zehn Jahre ab. Es ist noch kein Denkmal vom Himmel gefallen.

Kronprinzenpalais, Unter den Linden, bis 31. Mai, täglich 10 bis 20 Uhr.

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