Entwurf : Johannes Grützke: Mein Denkmal

Bundestagspräsident Norbert Lammert hat ein zentrales Freiheits- und Einheitsdenkmal gefordert. Der Künstler Johannes Grützke hat schon eines entworfen.

Denkmal Grützke
Johannes Grützkes Entwurf eines Denkmals ist ab 4. November im Georg-Kolbe-Museum zu sehen. -Foto: Katalog

In einer Festrede zum 25. Jahrestag der Wiedervereinigung hat Bundestagspräsident Norbert Lammert „ein zentrales Freiheits- und Einheitsdenkmal“ gefordert. Trotz vieler Mahn- und Gedenkstätten für die deutschen Diktaturen fehle in Berlin ein solch „überfälliges Zeichen“. Lammert erntete im Schweriner Staatstheater Gelächter, als er meinte, dass es unter Beachtung der üblichen Ausschreibungsfristen bis 2014 errichtet werden könne. Wenn es nach dem Künstler Johannes Grützke ginge, könnten die Arbeiten morgen beginnen. Denn er hat das Denkmal schon entworfen.





Ich bin für Denkmäler. Es sind Symbole, die nicht bloß Kunst sind, sondern etwas Konkretes bedeuten. Deshalb habe ich einen Unterarm modelliert, der dreißig Meter aus dem Boden wächst. Die Hand ist halb zur Faust geballt, halb hält sie einen Ast, auf dem statt eines Adlers, denn Adler macht heute keiner mehr, ein Schmetterling sitzt – ein Wesen der Metamorphose.

An der Stelle, wo die Bundesallee den Hohenzollerndamm kreuzt, herrscht heute nur Leere. Der Verkehr umspült eine Insel, auf der lediglich Gras wächst. Dort könnte stehen, was ich „Friedensdenkmal“ nenne, obwohl das die Sache nicht trifft. Denn eigentlich ist es ein „Geschichtsbewusstseinsdenkmal“. Der Schmetterling verkörpert den Verwandlungsakt, den wir alle in der Geschichte durchlaufen. Ich bin überzeugt, dass wir, indem wir die Geschichte ändern, umdeuten oder nachträglich umdichten, auch unsere Person verändern. Deshalb habe ich keine Revolutionsgeste im Sinn. Es geht bei dem gereckten Arm auch um den Restkörper, der wie verschüttet im Erdreich begraben bleibt und uns sagt, dass die deutsche Geschichte weiter zurückreicht als bis zur Hitler-Zeit. Der „deutsche Boden“, wie wir ihn unsinnigerweise bezeichnen, ist fruchtbar. Wie ein Humus, der immer wieder Pilze hervortreibt. Zukunft ist die Hoffnung auf Vergangenheit.

Die Proportionen des Arms sind gewaltig. Sie entsprechen den Ausmaßen des Platzes. Es wäre jedenfalls verkehrt, anzunehmen, ich würde das in Deutschland immer wieder aufkeimende Revolutionspathos ironisch brechen wollen. Ich glaube nicht an Ironie, es gibt sie nicht. Ein Pinselstrich wird nie ironisch oder unironisch geführt. Ironie ist an die Zeit geknüpft und verblasst schnell. Übrig bleibt immer nur der Pinselstrich. Und alles, was ironisch gesagt wird, kann man auch wörtlich nehmen, und man versteht es richtig.

Was soll ein Denkmal leisten? Als ich mich vor 15 Jahren mit der Idee zu beschäftigen begann, erschien mir der Unterarm nur als Sockel, aber in Form einer Säule. Obenauf „thront“ ein flatterhaftes Ding wie eine Fahne. Das fliegt vielleicht tatsächlich davon.

Letztendlich sind Denkmäler überaus praktisch. Als Wegbeschreibung. Wie einfach würden Gäste zu mir finden, wenn ich ihnen sagen könnte: Sie gehen bis zum Denkmal und dann rechts.

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