Kultur : Entzaubert Metzmacher und das DSO in der Philharmonie

Jörg Königsdorf

Langsam wird klar, welcher Herausforderung sich Ingo Metzmacher mit dem Thema seiner letzten Saison beim Deutschen Symphonie-Orchester gestellt hat. So gut der Dirigent darin ist, Ordnung in komplexe Strukturen zu bringen, so wenig liegt ihm die „Versuchung“, deren Nährboden Dunkelheit und Geheimnis sind. In Debussys Sinfonischen Fragmenten zu D’Annunzios Mysterienspiel „Le Martyre de Saint Sébastian“, die in der Philharmonie das dritte Konzert dieser Reihe eröffnen, hält sich die Verführungskraft deutlich in Grenzen. Nur hin und wieder geben die DSO-Streicher mit dunklen, wagnerschweren Tönen eine Ahnung davon, dass sich unter der Oberfläche dieser Stücke schwüle Sinnlichkeit verbirgt.

Allerdings scheint die Stimmung zwischen den Musikern und ihrem scheidenden Chef auch nicht mehr so zu sein, dass man einander noch groß in Versuchung führen möchte. Auch im „Engelskonzert“ aus Hindemiths Sinfonie „Mathis der Maler“ versteift sich die verzückte Streicherpolyfonie immer wieder ins Verbissene, mäandert die Musik ebenso richtungs- und spannungslos dahin wie nach der Pause der schwerfüßig lärmende „Schleiertanz“ aus Strauss’ „Salome“.

Die meisten Besucher waren vermutlich vor allem wegen Nina Stemme gekommen. Bayreuths gefeierte Isolde war bislang kaum auf Berlins Opernbühnen zu hören. Stemmes Stärke sind die leidenden Frauen, deren Herzensgüte sich in ihrem eher gefühlvollen als sinnlich-üppigen Timbre spiegelt. Das laszive Luder, die Stimm-Lolita, die man für Salomes Schlussgesang erwarten würde, ist sie nicht. So menschlich anrührend und unprätentiös das Salome-Porträt ist, das sie über Metzmachers schonungslos lärmige Begleitung hinüberrettet, so wenig hat es mit Versuchung zu tun. Ein Abend ohne Geheimnis. Jörg Königsdorf

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