Kultur : Entzweite Freunde Die American Academy Berlin stellt ihre neuen Fellows vor

Moritz Schuller

Es ist ein Winter des Missvergnügens. Als Dan Coats die neuen Stipendiaten begrüßte, hätte man auf die Idee kommen können, die American Academy läge nicht am Berliner Wannsee, sondern im nordkoreanischen Pjöngjang: „Unsere Länder sind entzweit“, sagte der amerikanische Botschafter und forderte alle auf, offen zu sein und sich gegenseitig zu zuhören. Das Wort „freundlich“ kam ihm auch einmal über die Lippen: Deutschland sei „umweltfreundlich“.

Wer dann den neuen Fellows zuhörte, dem wurde schnell deutlich: Nicht alle Amerikaner bereiten in diesem Frühjahr eine Invasion des Irak vor. Der Historiker James Hankins etwa wird die nächsten Monate über die Bedeutung der Seele für die Renaissance nachdenken, der Jurist Henry E. Smith deutsches und amerikanisches Besitzrecht vergleichen, und Amity Shlaes von der Financial Times will die Besteuerungstraditionen in beiden Ländern untersuchen. Allen Speight, ein Philosoph aus Boston, will herausfinden, was Hegel zum Vergeben zu sagen hatte, und zwei der Fellows wenden sich angesichts der missvergnüglichen Gegenwart gleich der Vergangenheit zu: Der Literaturwissenschaftler Hayden White aus Stanford sucht die „Erfüllung im Rückblick“ und die Architektur-Professorin Wallis Miller schaut noch einmal zurück, auf das, was in Berlin gebaut und nicht gebaut wurde. Der Komponist Kurt Rohde schreibt eine Kantate, deren Libretto von der Neigung der amerikanischen Farmer zur Militanz erzählt, und Karen Yasinsky arbeitet an einem Zeichentrickvideo.

Die gegenwärtige US-Regierung sei revolutionär, erklärt David Rieff, auch er ein neuer Fellow, bei einem Glas Wein, weil in ihr die humanitäre Linke und die interventionalistische Rechte zusammenkämen. Verglichen damit sei die Schröder-Regierung geradezu konservativ. Er befürworte durchaus den „vorsichtigen Kurs“ der Europäer. Ändern, so Rieff, der lange in Bosnien gelebt und ein Buch über das dortige Versagen des Westens geschrieben hat, werde das aber auch nichts. Rieff will seine Zeit in Berlin nutzen, um ein Buch über den Terrorismus zu schreiben. Es sei denn, ein Krieg bricht aus. Dann wird er vor Ort sein. „Mögest du in interessanten Zeiten leben“, zitierte Dan Coats ein chinesisches Sprichwort. „Wenn das stimmt“, so der amerikanische Botschafter, „dann geht es uns wirklich gut“.

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