Kultur : Epochenstifter

Zum 150. Geburtstag: ein Streit um Wilhelm II.

Bernhard Schulz

Vor 150 Jahren, am 27. Januar 1859, wurde derjenige preußische Prinz geboren, der nach dem frühen Tod seines Vaters als Wilhelm II. von 1888 bis zum 9. November 1918 deutscher Kaiser war. Eine ganze Epoche, die des Wilhelminismus, ist nach ihm benannt, und doch ist sein Platz in der deutschen Geschichte so unbestimmt wie nur je. „Welche Bedeutung hat der Kaiser für die deutsche Geschichte?“, so lautete folgerichtig die Schlussfrage einer prominent besetzten Podiumsdiskussion in der Berliner Humboldt-Universität. Sie blieb offen.

Christopher Clark und Eberhard Straub, die beide unlängst Wilhelm-Biografien veröffentlichten (C. Clark: Wilhelm II. Die Herrschaft des letzten deutschen Kaisers, DVA, 414 S., 24,95 € – E. Straub: Kaiser Wilhelm II. in der Politik seiner Zeit. Landt Verlag, 376 S., 34,90 €), verteidigen die widersprüchliche Person Wilhelms, zumal im Hinblick auf dessen verfassungsrechtlich nie genau definierte kaiserliche Rolle. Beide heben die modernen, auf die entstehende Massengesellschaft weisenden Elemente in Wilhelms „Medienmonarchie“ hervor. Seine Verurteilung als Verursacher aller Übel, gar als Auslöser des Ersten Weltkriegs ist ihre Sache nicht. Leider fehlt John C. G. Röhl aus gesundheitlichen Gründen: In seiner 4000 Seiten starken, nach drei Jahrzehnten Forschung kürzlich ab geschlossenen Monumentalbiografie hatte er seine äußerst Wilhelm-kritische Position mit schier überbordenden Quellen zu belegen versucht.

Straub geht pointiert auf Wilhelms Modernität und Quasibürgerlichkeit ein, Clark zollt gleichwohl auch der strukturgeschichtlichen Analyse eines Hans-Ulrich Wehler Tribut, von dem das abfällige Verdikt vom „Schattenkaiser“ stammt. Einigkeit herrscht auf dem von FU-Historiker Bernd Sösemann geleiteten Podium darin, dass der Kaiser bei Weitem nicht so selbstherrlich agieren konnte, wie er selbst es gern glauben machte. Er war eingebunden in den Apparat eines bürokratischen Verwaltungsstaates. „Wilhelm war ein Akteur unter vielen“, so Clark: „Immer wenn er gegen die Zeitströmung gearbeitet hat, ist er gescheitert.“ Eine solche Zeitströmung war es denn auch, die den Begriff der „Nation“ gegenüber dem der „Monarchie“ unter den Deutschen dieser Epoche immer wichtiger werden ließ, so dass nach der Niederlage von 1918 das Kaisertum und mit ihm alle deutschen Fürstenhäuser verschwanden, als ob sie nie bestanden hätten. Einfach weggewischt von der Geschichte, die im und durch den Krieg auch über Wilhelm II. hinweggegangen war.Bernhard Schulz

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