• Er hat Haare, ich habe keine - ein literarischer Gruß an den ungarischen Schriftsteller

Kultur : Er hat Haare, ich habe keine - ein literarischer Gruß an den ungarischen Schriftsteller

Imre Kertész

Wenn ich mir überlege, was mich mit Esterházy verbindet, fallen mir sofort die Unterschiede ein. Er stammt von Aristokraten ab, ich von Kleinbürgern. Esterházy ist ein historischer Name, Kertész jedoch wurde - auf Wunsch meines Großvaters - ungarisiert. Er ist Nichtjude, ich bin Jude. Esterházy ist etwa einundzwanzig Jahre jünger als ich, und ich bin etwa einundzwanzig Jahre älter als er. Was könnte ich noch sagen? Er hat Haare, ich habe keine.

Ich habe ihn für eine Art osteuropäischen "Schweizer" gehalten, der von der Diktatur nur die weiche Version und in der Literatur nur den Erfolg kannte. Das alles machte ihn in meinen Augen außerordentlich abstrakt. Damals, muss ich gestehen, kannte ich seine Werke noch nicht, ich war viel zu stolz, zeitgenössische ungarische Literatur zu lesen, erst recht die, die gelobt wurde. Meine Moral war, ein Außenseiter zu sein, meine literarische Ehre war das Versagen, mein Glaube die aussichtslose Arbeit, der für mich authentische Seelen- und Geisteszustand war die Depression.

Wir haben uns 1983 bei einer literarischen Preisverleihung kennengelernt. Genauer gesagt haben wir beide einen Preis erhalten. Das war eine für mich erschütternde Angelegenheit, ich war es nicht gewohnt, meine Unternehmungen, die ich als unanfechtbar empfand, durch Literaturpreise in Zweifel gezogen zu sehen. Ich war beinahe beleidigt. Im damaligen Ungarn galt dieser Preis übrigens als noch am ehesten akzeptabel. Er stammte aus dem Nachlass des großen Schriftstellers Milan Füst und wurde von einem Kuratorium betreut, dessen Mitglieder dem Anschein nach unabhängige Persönlichkeiten waren - dem Anschein nach, da in einem diktatorischen Regime jede Unabhängigkeit nur einen Schein bedeuten kann. Immerhin mussten die Preisträger nicht unbedingt nach hoch offiziellen Listen ausgewählt werden, und das gab dem säuerlichen Geschmack des staatlichen Sektes, der aus dem Budget für staatliche Repräsentationszwecke stammte, eine erfrischende Note. Mit diesem Preis wurden immer zwei Schriftsteller ausgezeichnet, ein sogenannt Junger und ein sogenannt Älterer - sogenannt, weil, wie ich schon angedeutet habe, in einer Diktatur auch Tatsachen nur sogenannte Tatsachen sein können. Was uns beide zum Beispiel betrifft, konnte Esterházy mit seinem Produktionsroman, seinen Fuhrleuten und mehreren anderen Prosabänden im Rücken trotz des Altersunterschiedes eher als der ältere Meister gelten, und mit meinem acht Jahre zuvor erschienen Roman eines Schicksallosen war ich der jüngere Neuling.

Aber es wirkte damals etwas befremdlich, dass die beiden Namen gleichzeitig genannt wurden. Ich war selbst befremdet. Gut möglich, dass es Esterházy ähnlich empfand, als er - sicher wie ein Hauptdarsteller seiner Zeit - mir die Hand reichte. In diesem euphorischen Augenblick durchströmte mich ein Gefühl der Verbundenheit, und ich mochte wohl unschlüssig die Arme erhoben haben, denn Esterházy wich schnell aus, noch bevor ich ihn womöglich umarmt hätte. Er hatte Recht, und anstatt beleidigt zu sein, fühlte ich diese Wahrheit durch und durch. Hoho, sagte seine stumme Warnung, übereilen wir nichts! Woher sollte ich wissen, wer du bist? Ist es am Ende die immer und überall gegenwärtige Manipulation, die uns einander in die Arme treiben will? Du bist mir verdächtig, Kumpel, mit deiner großen Arglosigkeit bist du mir sehr verdächtig.

Ich sage ja, er hatte Recht, und ich schämte mich etwas, dass mich der jüngere Kollege an die eigenen Lebensprinzipien erinnern musste. Damals lebten wir nicht in einer Atmosphäre des unbedingten Vertrauens, und ich vermute, dass dadurch jeder gelitten hat. Es waren die Jahre der klaustrophobischen Lähmung, als man nichts anderes tun konnte, als, sagen wir, die Einführung in die Schöne Literatur oder den Roman eines Schicksallosen zu schreiben. Später, als sich die alten Sorgen in neuer Gestalt und in einem neuen System der Werte auf uns herabstürzten, zum Beispiel die Sorgen um Freiheit und Verantwortung, war es für jeden unvermeidlich, sich neu zu definieren. "Die Russen sind gegangen, die Donau ist geblieben, da stehen wir nun einsam, betrachten einander und wissen nicht, wer der andere ist", schrieb Esterházy mit großer Genauigkeit und nicht ohne Verwunderung. Diese Verwunderung, der er sich rückhaltlos überließ, wie jemand, der sich plötzlich auf eine lange Entdeckungsreise begibt, verlockte ihn gleich in ferne, unbekannte und gefährliche Gegenden. Der, den ich einst für einen osteuropäischen Schweizer gehalten hatte, verließ die scheinbar festen Ufer, ohne zu zögern, und um es mit Camus zu sagen, er "stieg in die Galeere der Zeit". Seine journalistischen Arbeiten, die er großzügig als sein literarisches Nebenprodukt betrachtet, haben in Ungarn mittlerweile eine neue Sprache und Denkweise geschaffen.

Mag sein, dass wir durch die neue Verwunderung, die ich mit ihm teile, einander nähergekommen sind; na, und sicher auch durch die zwei ungarischen Zöllner, die uns an der österreichischen Grenze die Taschen durchforschten. Darüber haben wir ein gemeinsames Buch geschrieben. Warum wir das getan haben? Wir haben keineswegs erwartet, die Welt oder die Zöllner dadurch verändern zu können. Das ist auch nicht geschehen. Geschehen ist etwas Anderes, Wichtigeres: Wir sind Freunde geworden.Dieser literarische Gruß von Imre Kertész, Jahrgang 1929, an Péter Esterházy, Jahrgang 1950, stammt aus dem von Angelika Klammer herausgegebenen Band "Was für ein Péter - Über Péter Esterházy", der in den nächsten Tagen im Salzburger Residenz Verlag erscheint. Er enthält außerdem Texte von Wolf Lepenies, Viktor Jerofejew, Péter Nádas, Oskar Pastior und vielen anderen, die sich der unterhaltsamen Eigenart von Esterházys Texten auf ganz verschiedene Weise nähern - eine Hommage aus Anlaß der kommenden Frankfurter Buchmesse, deren Schwerpunktthema Ungarn ist. Schon im Handel ist Esterházys Geschichtensammlung "Thomas Mann mampft Kebab am Fuße des Holstentors", die wie der Kertész-Text von Zsuzsanna Gahse für den Residenz Verlag übersetzt wurde. Beide Bücher kosten 38 Mark. Von Imre Kertész erscheint bei Rowohlt Berlin der Roman "Fiasko". Das von ihm erwähnte Buch mit Esterházy veranschaulicht treffend die unterschiedlichen Temperamente der beiden und trägt den Titel "Eine Geschichte. Zwei Geschichten" (Residenz).

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