Kultur : „Er hat unser Leben verändert“

„Kinsey“-Regisseur Bill Condon über einen unerwünschten Sex-Revolutionär

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Mister Condon, nach „Gods and Monsters“ widmen Sie sich nun erneut einer Person der Zeitgeschichte. Warum interessieren Sie sich immer wieder für fremde Biografien?

Weil ich fasziniert von Personen bin: Sowohl der Filmemacher James Whale als auch Alfred Kinsey haben mein Leben beeinflusst. Von Whales Filmen war ich bereits als Kind fasziniert, ohne zu wissen, warum, das kam später: die Identifikation mit dem Monster als gesellschaftlicher Außenseiter. Und Kinsey hat das Leben von uns allen ein bisschen verändert.

Inwiefern?

Nun, er war ein Vorläufer sowohl der Frauen- als auch der Schwulenbewegung. Und als ich über ihn zu lesen begann und begriff, was für eine Sorte von Mann er war, erstaunte mich das umso mehr.

Hat Kinsey Sie persönlich beeinflusst?

Ja, als ich auf der High School war, habe ich von seinen Untersuchungen gehört. Und dann, als junger Schwuler in den Sechzigerjahren, war das natürlich eine aufregende Erkenntnis, dass er in seiner Studie von 1948 auf so viel homosexuelle Aktivitäten gestoßen war. Das hatte doch niemand vorher gewusst. Dass wir uns als Schwule überhaupt selbst identifizieren konnten, ist Kinseys Verdienst. Denn seine Untersuchungen über die Vielfalt sexueller Aktivitäten zeugen gleichzeitig von großem Respekt davor.

Ihr Film sieht ein bisschen wie ein Biopic der Dreißigerjahre aus.

Ich mächte mit diesem Effekt den zeitlichen Kontext hervorheben. Man soll genau so schockiert sein wie Kinseys Studenten, als ihnen Dias von einer Vagina und einem Penis vorgeführt wurden.

Sie haben sehr sorgfältig recherchiert. Haben Sie jetzt genug von ihm?

Jetzt gerade ja. Auch, weil der amerikanische Filmstart in die Zeit der Präsidentenwahl fiel. Es kam zu Diskussionen, in denen er von bestimmten rechten Gruppen als Perverser verteufelt wurde. Seit den Fünfzigerjahren haben sie damit nie wieder aufgehört.

So ist es kein Zufall, dass Kinsey gerade jetzt wieder Thema ist?

Natürlich nicht. Er selbst hat gesagt, dass man von Zeit zu Zeit Leute wie ihn braucht, damit die Probleme nicht unter den Teppich gekehrt werden. Und es ist interessant, dass sein wichtigster Nachfolger, Dr. Edward Lauman an der Universität von Chicago, von der chinesischen Regierung unterstützt wird, weil die amerikanische ihm die Forschungsmittel gestrichen hat.

Das Gespräch führte Daniela Sannwald.

Bill Condon , 49,

ist in New York geboren und hat an der

Columbia University seinen Abschluss in Philosophie gemacht. Er sitzt im Vorstand des Los Angeles

Film-Festivals.

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