Kultur : Er Kennedy Melodie!

FREDERIK HANSSEN

Zumindest in zwei Kategorien hätte der Auftritt des Mr.Kennedy im Konzertsaal der Hochschule der Künste bei der Wahl zum "Berliner Klassikkonzert 1998" beste Gewinnchancen: einerseits in der Rubrik "Dilettantischste Organisation", andererseits beim "Aufmerksamsten Publikum".Nach chaotischen Verhältnissen an Kasse, Einlaß und Garderobe, nach doppelt verkauften Sitzplätzen und verschlossenen Saaltüren bis zwei Minuten vor acht samt viertelstündiger Verzögerung des Beginns, fiel der ausverkaufte Saal in eine für Dezemberverhältnisse geradezu unerhörte, hustenlose Stille, sobald der Stargeiger "and his collective" die Bühne betraten.Wobei das "Kollektiv" zunächst gemeinschaftlich schwieg, während der - auf eigenen Wunsch nunmehr vornamenlose - Violinvirtuose sich nach ein paar vernuschelten Begrüßungssätzen sofort auf Béla Bartóks 1944 entstandene Sonate für Solo-Violine warf - als müsse er spielend beweisen, daß ihm "Nigel" immer viel zu sehr nach "to niggle" (seine Zeit mit Kleinigkeiten vertrödeln) klang.

Bartóks scharfkantig-expressionistische, sämtliche Hörgewohnheiten ignorierende Sonate ist in der Tat alles andere als easy listening, ist härtester Kammermusik-Tobak, den Kennedy zum Einstieg seinem Publikum anbietet.Hochkonzentriert, glutvoll, schonungslos, mit dem Fuß aufstampfend, wo sein rasanter Bogenstrich noch der rhythmischen Unterstützung bedarf, arbeitet er sich durch die komplexen kompositorischen Strukturen, modelliert die Noten zu klingender Körperlichkeit.Allerdings nur zwei Sätze lang - dann ist Jimi Hendrix dran: Mit ein paar gezupften Baß-Tönen leitet "the Kennedy Collective" in die U-Musik über, die in Kennedys "Hendrix Concerto in Suite Form" selbstredend mehr als "nur" unterhaltend ist.Von den sieben Instrumentalisten mit akustischer Grundierung versorgt, geigt sich Kennedy cool-virtuos, mit stets edel gerundetem Ton von den Songvorlagen weg in die Höhen freier Improvisation, die seine Lehrjahre bei Stéphane Grappelli ebenso verraten wie die Wanderjahre durch New Yorks Clubszene.Viel Wert wird in den (meist langsamen) Nummern auf Atmosphärisches gelegt, fein abschattierte Klangfarbigkeit, rhythmische Sophistication.Darum auch kann sich das Zurückgleiten des Geigers ins Bartóksche Universum ganz organisch, zuerst kaum bemerkbar vollziehen, darum schließt sich später der nächste Hendrix-Block faszinierend unkompliziert an.

Wäre da nicht die eisige Zugluft gewesen, die den Kritiker auf seinem Randplatz in der 25.Reihe durch eine von Kabelsträngen blockierte Tür anwehte und wäre er nicht auch von einem gestrengen Ordner seines daraufhin selbstgewählten Stehplatzes an der Saalwand verwiesen worden - er hätte zweifellos auch noch die zweite Hälfte des Abends mit Interesse verfolgt.

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