"Er" von Linus Reichlin : Kurvenreiche Ermittlungen

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Es ist seltsam, wie viele Serienmörder sich durch den Krimi-Normalbetrieb massakrieren und filetieren. Geschichten über Straftäter mit scheinbar ganz normalen Leben fallen da um so angenehmer auf. Der Amerikaner Harry Dolan, ein hierzulande wenig bekannter Autor, inszeniert seine Geschichte in Ann Arbor, Michigan. Das ist mal ein neuer Ort, den man sich erlesen kann, mal nicht das ewige New York, das ewige Skandinavien oder das ewige Berlin als Kulisse (Böse Dinge geschehen. Kriminalroman. Deutsch von Martin Ruben Becker. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2010. 414 S., 14,90 €.). Dolans Geschichte wirkt zunächst wie eine Laboranordnung, mittels derer die kriminelle Energie des bürgerlichen Menschen untersucht wird: Ein Hobby-Krimischriftsteller lernt den Herausgeber eines Krimimagazins kennen. Die beiden freunden sich an, sie verstehen sich. Der Herausgeber kommt ums Leben – und der Autor macht sich auf die Suche nach dem Täter. Die unbekannte Stadt, eine Gruppe von interessanten, etablierten Leuten, die sich mit spannender Gebrauchsliteratur befassen – das sind Leben, die entschleunigt und vielleicht deshalb intensiv sind.

Eine so breit angelegte Geschichte verlangt eine durchdachte Konstruktion und eine tiefenscharfe Betrachtung des Personals. Dolan hat beides gut hinbekommen. Und die Geschichte gewinnt rasch an Tempo – es bleibt nicht bei einem Toten.

Im Zentrum steht „der Mann, der sich David Loogan nennt“. Der Mann mit seiner dunklen Vorgeschichte ist der wahrheitssuchende Held in diesem Krimi. Die anderen aus der Gruppe, die Frau des Herausgebers, ein älterer Erfolgsautor, Lektoren und Mitarbeiter, bleiben nicht bloß Hintergrundpersonal. Sie entwickeln sich allesamt zu besonderen Figuren. Jede von ihnen ist mit anderen verbunden, jede Figur geht ihren Weg, hat ihre Motive. Man findet sich sympathisch, verliebt sich, wird enttäuscht, hasst. Manche töten dann. Es geht um Abhängigkeiten, große und kleine Gefühle, Berechnungen. Und so befindet sich David Loogan, der Mann mit dem geliehenen Namen, nach 370 Seiten in einer im Wortsinn höchst komplizierten und lebensgefährlichen Lage. Da hilft ihm nur eine Aktion, die so ungewöhnlich ist wie dieser Krimi.

Linus Reichlin legt das Krimigenre nicht neu aus, sondern tänzelt über dessen Grenzen hinweg: Sein Roman „Er“, in dem ein grausames Verbrechen geschieht, erzählt eine Liebesgeschichte mit mehr als der üblichen Zahl der Beteiligten (Er. Roman. Galiani Verlag, Berlin 2011. 274 S., 18, 95 €). Reichlins Held Hannes Jensen kommt als kriminalistischer Vorruheständler und verlassener Vater einer kleinen Tochter nach Berlin. Er ist moralisch angezählt, melancholisch gestimmt und doch willens, sich zu verlieben. In der Hauptstadt der alleinerziehenden Mütter lernt er Lea mit ihrer frühreifen Tochter kennen – und nach kurzer Zeit auch die Qualen der Eifersucht. Lea will ihn, aber nicht seine Geschichte vor der Zeit mit ihr, und verweigert ihm jeden Zugang zu ihrer Vergangenheit. Und Lea gehört zu den Dominanten unter den Frauen. Jensen lässt sich beherrschen.

Parallel zu der im Altbau situierten Liebesgeschichte erzählt Linus Reichlin von Leas früherem Leben, ihrer Herkunft von einer schottischen Insel und einem frühen Liebhaber, der nach ihr sucht. Langsam durchdringt die Vergangenheit die Gegenwart. Es entwickelt sich eine Geschichte neben der Liebesgeschichte – bis beides auf eine düstere Weise zusammenkommt. Zwei Männer verlieren dabei ihr Leben, einer von ihnen, so scheint es, durch einen kaltblütigen Mord. Lea, die Femme fatale aus Schottland, ist das Motiv.

Linus Reichlins kurvenreicher Roman ist vielleicht ein bisschen überkonstruiert, aber spannend – und funktioniert auch als schöne Liebesgeschichte. Zu schön, um wahr zu bleiben?

Jensen riskiert mit seinen Ermittlungen in Leas Vergangenheit deren Liebe. „Die Küsse, die Umarmungen wurden erst durch die Wahrheit zu etwas Wirklichem, aber nicht, weil das so war. Sondern weil er sich dazu entschlossen hatte“, heißt es – ein interessanter Ansatz zur Erklärung von Eifersucht. Weil Linus Reichlin auch schön schreibt, verzeiht man ihm sogar das Happy End.

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