Kultur : Er war eine sagenhafte Figur

CLAUS PEYMANN

"Ich bin nur ein Schauspieler": Minetti sagte diesen Satz in einem nächtlichen Gespräch, damals in Bochum während der Proben zum "Weltverbesserer".Er kroch mit diesen suchend, tastend hervorgestoßenen Worten in sich hinein.Das eigene Bekenntnis verschlug ihm fast die Sprache.Er, der einer eigenen Sprache mächtig war wie kein zweiter Schauspieler, er, der seine Fragen und Antworten oft wie Gesetzestafeln zu errichten wußte, er, der mit mephistophelischer Lust die ganze Welt zu definieren vermochte, dieser Minetti verstummte in dieser Nacht zu langem Schweigen.

"Ich bin nur ein Schauspieler, was kann ich sonst"? Rührte dieser Satz an das Rätsel Minetti, gab er sein Geheimnis preis?

Das Rätsel Minetti wird bleiben, und sein Geheimnis vermag keiner zu enthüllen, denn wer hätte je das Geheimnis der Liebe enthüllt? Minettis Kraft, Minettis Energie hatte ja einen ganz besonderen Grund.War dieser Minetti schon zu Lebzeiten der meistparodierte Schauspieler in Kantinen und auf der Bühne, so wird er jetzt in die Theatergeschichte geradezu als ein Monument der Anekdote eingehen.Theateranekdoten beschreiben durchaus die Wahrheit und die Besonderheit eines Künstlers, aber alle Anekdoten der Welt vermögen das Wesentliche, das Besondere dieses Bernhard Minetti eben nicht zu fassen, weil das Besondere nur in der Berührung, nur im unmittelbaren Zusammenspiel erlebt werden konnte: MINETTIS EROS.

Wahrlich, gerade weil Minetti sich nur als Schauspieler verstand, konnte er alles sein: Liebender und Geliebter, Geliebte und Liebhaber zugleich.Er spielte beides und verlangte, beides zu sein, und er war tatsächlich beides.Er erwartete und forderte, daß auch der künstlerische Partner beides vollbringt.Und wehe der Partner sträubte oder verweigerte sich.Für dieses Versagen kannte Minetti keine Gnade.

Es waren vier Inszenierungen, in denen ich als Regisseur mit Minetti zusammengearbeitet habe.Statistisch betrachtet ist das nicht viel, als Ereignis aber sind diese vier Begegnungen für mich Zentralsonnen meines bisherigen Theaterlebens.Sonnen, die nicht untergehen, Sonnen, die noch immer Wärme spenden und nicht erkalten werden.Dieses viermalige EREIGNIS MINETTI war wie ein Liebesbund auf Zeit und naturgemäß auch immer ein Liebesdrama in mehreren Akten.Spirituell und zugleich voll Leidenschaft.Als potentielle Komödie und potentielle Tragödie ineinander verschlungen und gelegentlich auf die absurde Farce zutreibend: Also mit allen Zuneigungsbedürftigkeiten, mit allen Eifersuchtsgefühlen, mit allen Haßausbrüchen, mit allen Empfindsamkeiten und Ungerechtigkeiten, mit allem Vernichtungswahn und, immer wieder, mit aller zärtlichen Hingabe, Liebessehnsucht und überschwenglichem Versöhnungsglück.Minetti verlangte absolute Hingabe und wehrte sie zugleich ab.Er konnte ein bedingungslos Liebender sein und scheute vor jedem zuviel an Nähe.Auch er wollte Lob und wies es im gleichen Moment schroff zurück: "Claus, du mußt mir sagen, wenn es gut ist - nein, sag es nicht, sag es nicht, sag nicht zuviel - ich will es nicht wissen."

Seine Zärtlichkeit und sein Bedürfnis nach Zärtlichkeit kam aus der bitteren Erfahrung, daß zu unserem Beruf das Scheitern gehört.Er wollte zum Theaterspiel verführt sein, gerade weil er das Theaterspielen liebte.Und weil er das Theater liebte, konnte er kein Theaterzyniker werden.Zornig ja, aber zynisch nicht.Er war ein Weltverbesserer durch das Spiel, und da er an sein Spiel glaubte, prüfte er es gewissenhaft und streng.Für schlechtes Theater schämte er sich (wer tut das heute noch?), unter Niederlagen litt er wie ein Hund, aber schöne Aufführungen, besonders solche, in denen er gar nicht mitspielte, empfand er als seinen persönlichen Triumph, weil es der Sieg des Theaters war.

Jedes gute Theater war sofort sein Theater.Minetti konnte Begeisterung und Stolzsein aufs Theater leibhaftig vermitteln.Bei ihm war der Stolz keine Eitelkeit, es war eine Tugend voll Demut, eine Tugend freilich, die nicht billig zu haben war, sondern die erkämpft und hart erarbeitet werden mußte.Minetti fühlte sich für das Theater prinzipiell verantwortlich, und er bekundete dies auch in der täglichen Arbeit, vor allem in der Loyalität zu seinem Handwerk.Die Ehre dieses Handwerks lag ihm am Herzen.

Keine Verschluderung, keine Schlamperei, keine Macht der Gewohnheit mochte er dulden.Wer je hat seinen Kollegen so detailliert und inspirierend über Theatereindrücke berichtet wie er, selbst wenn eine Aufführung Jahre zurücklag.Seine Bewunderung, seine Kritik mitzuteilen empfand er geradezu als Pflicht.Er hätte Publizistikstudenten durchaus zu theaterkritischen Universalgenies ausbilden können, nur, es gab diesen Lehrstuhl nicht für ihn.

Minetti war also ein König des Theaters, weil er dem Theater diente.Nie benutzte er das Theater für unlautere Zwecke, ihn konnte der Erfolg nicht korrumpieren, denn er mißtraute dem wohlfeilen Erfolg.Er hatte die Kraft, ein sogenanntes Erfolgsstück abzulehnen.Er spielte von einer Sekunde auf die andere gegen das Publikum, wenn das schnelle Gelächter zur Anbiederung und zum Verrat an der Rolle hätte führen können.Insofern ist Minetti wirklich eine sagenhafte Figur, und damit ein einziger Anachronismus.Solange es aber solch selten kostbare Anachronismen gibt, solange ist das Theater unsterblich.

Ich bin Minetti dankbar.Er hat mir geholfen.Sein Enthusiasmus hat mich über manche Verzagtheiten getragen, seine hartnäckigen Forderungen haben mich angetrieben, natürlich auch zum Widerstand gegen ihn, damit er schließlich doch noch mein Verbündeter in der Sache wird.Lieber ein toller Krach statt fauler Kompromisse - das war seine Methode.Probenpalaver und Probengequatsche, Schaumschlägerei und Scharlatanerie waren ihm verhaßt.Seinen Traum von der Figur bildete er aus präzisen Details.Der kleine, genaue Hinweis war ihm wichtig, nicht die große Theorie.Unruhe war sein Motor, Entdeckungsfahrten mit der Phantasie sein Programm.

Diesem nimmermüden, weltstädtischen Schauspieler und tatsächlich einzigartigen Protagonisten, der wie ein Wanderer aus dem Märchen durch die Zeiten und Geschicke gegangen ist, der im hohem Alter wie ein Flüchtling mit seinem Thespiskarren eine neue Theaterheimat sich suchen mußte, weil die Berliner Kulturbehörde in der Zerstörung seines Theaters - nämlich Minettis Schiller-Theater - die blamable ultima ratio ihrer politischen Verantwortung sah, diesem Bernhard Minetti stand ich vor einigen Monaten hier auf dieser Bühne gegenüber, als ich mich dem Ensemble vorstellte.Minetti saß in der ersten Reihe."Endlich bist du mein Chef, ich hab es immer gewollt", rief er mir aufmunternd zu.Ja, es tut mir weh, es macht mich traurig, daß ich Minettis Direktor nun nicht mehr sein werde.Auf diese Verantwortung und auf diese Ehre hatte ich mich von Herzen gefreut.

Als Minetti vor drei Jahren seinen 90.Geburtstag fröhlich feierte, da rief ich ihm in der Akademie der Künste seinen für ihn so charakteristischen Gruß "Guten Morgen!" zu.Für Bernhard Minetti hat sich frühmorgens am 12.Oktober 1998 die Tür zu einem völlig neuen Morgen endgültig geöffnet.Und gerade deswegen sage ich jetzt nicht "Gute Nacht, Minetti."

Bernhard, du verstehst das sicher, denn der Theaterschlaf war deine Sache nie.

Ich wünsche, du wirst auf deinen neuen Wanderungen vielleicht auch uns im Traum, vielleicht uns in unseren Gedanken und Phantasien begegnen.Uns aufweckend, uns antreibend, uns Mut machend.Deine Theaterarbeit wurde zum Prinzip, zum PRINZIP MINETTI.Es bleibt gefaßt in die klare Formel "Guten Morgen!" und damit immer lebendig.

Bernhard, du warst nie ein Star, aber immer ein Stern.

Auch der Morgen hat einen Stern, der zu Beginn des Tages funkelnd der Morgenröte Glanz verleiht.

Hellwaches Licht, strahlend für den ganzen Tag.

Minettis Kunst ist ein solcher Stern.

Lebwohl und hab einen immerwährend "Guten Morgen!" (Peymann wendet sich zum Foto Minettis auf der Bühne des Berliner Ensembles.) In diesem Sinne, liebe Freunde, noch einmal und wieder Applaus für unseren Kollegen Bernhard Minetti.(Das Publikum erhebt sich zu einer stehenden Ovation.)

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