Kultur : Er will den Frieden

Eckart Schwinger

Michael Gielen unternimmt gern musikalische Wiederbelebungen. Zu Beginn der Spielzeit setzte er sich in der Staatsoper für Schrekers "Der ferne Klang" (1912) ein. Im Konzerthaus führte er nun ein ebenfalls aus den innovativen ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts stammendes Werk auf, das "Stabat mater" (1924/26) Karol Szymanowskis. Er wies in aller Deutlichkeit nach, dass es zu den bedeutsamsten sakralen Werken seiner Zeit zählt. In manchem nimmt Szymanowski in ganz individueller Weise die dunkelglühende Ikonenmalerei der "Psalmensinfonie" von Strawinsky vorweg. Mitunter könnte man auch an ein klingendes Mysterium von Debussy denken. Aber vor allem legte Gielen dar, dass Szymanowski, der für die polnische Avantgarde so kühne und eigenwillige Wegbereiter, ein sehr bekenntnishaftes Werk in seiner Muttersprache geschaffen hat.

Es ist von alten polnischen Hymnen und Kirchengesängen, von wahrer slawischer Ausdrucksschönheit getragen - und nicht zuletzt ist es inspiriert von Gedanken des Leides, des Schmerzes, des Friedens. Gielen hatte dabei die hymnische Spannweite des Werkes in keinem Moment überzogen und die Balance zwischen den Solisten Anne Schwanewilms, Lani Poulsen, Marek Gastecki, dem Rundfunkchor Berlin sowie dem BSO aufs glücklichste bewerkstelligt.

Zu Beginn dirigierte Gielen in der ihm eigenen, geradezu schmerzenden Schnörkellosigkeit Haydns "Nelson-Messe", energievoll bis ins kleinste Detail durchorganisiert, gelegentlich auch dramatisch harsch akzentuiert. Es war ein strikt entmythologisierter Haydn, bei dem die Solisten (erweitert um den Tenor James Taylor), das BSO wie der Rundfunkchor Berlin (Chorsolistin: Sabine Puhlmann) mit ebenso viel ungekünstelter Differenzierung wie kraftvoller Brillanz in Aktion traten.

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