Érard : Claire Chevallier gab einen Klavierabend

Ein Klavier aus der berühmten französischen Klavierwerkstatt begeistert die Zuschauer in der Sanssouci-Orangerie. Dabei war Authentizität hervorstechendes Merkmal.

Klaus Büstrin

Der Érard thront im Raffaelsaal der Sanssouci-Orangerie unübersehbar auf dem Podium. Aber er wird auch unüberhörbar, wenn Claire Chevallier ihn „bearbeitet“, immer mit großer Liebe und Respekt. Beim herzlichen Schlussapplaus weist sie stets auf den Érard, als ob sie sagen möchte: Das Instrument mit seiner unwahrscheinlich großen Klangfülle soll König bleiben. Aus der berühmten französischen Klavierwerkstatt stammend, reiht sich dieses Instrument aus dem Jahre 1905 wunderbar in die Sammlung historischer Klaviere der Pianistin ein.

Mit diesem großen „Kasten“ zieht Claire Chevallier durch Europa, um darauf ausschließlich Klavierwerke zu interpretieren, die um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert geschrieben wurden. Auch nach Potsdam kam sie mit ihm. Für die Musikfestspiele wählte sie Musik von Camille Saint-Saëns, Claude Debussy, Eric Satie und Manuel de Falla aus. Die Werke auf einem historischen Instrument zu interpretieren, will die Pianistin nicht als Relikt aus vergangener Zeit sehen, sondern als Mittel, die Klangvorstellung der großen Meister zu begreifen. Diese Authentizität lässt die Kompositionen „originaler“ und quasi als „ungefilterten“ Genuss erscheinen. Mit dem stets so präsenten, charaktervollen, doch auch charmanten und geschmeidigen Klang des Fortepianos konnte die Pianistin die Klaviermusik exzellent darstellen.

So spielte sie die romantischen Werke von Saint-Saëns, in denen der Komponist seine klanglichen Erlebnisse aus zum Teil fernen Ländern hörbar machen, raumgreifend und in einem eher schweren Duktus, als gelte es sinfonische Dimensionen abzustecken. Dabei blieb sie den virtuosen Anforderungen nichts schuldig und bewältigte auch die hoch-virtuosen, weitgriffigen Passagen ungefährdet.

Von besonderer Schönheit sind Eric Saties „Trois Gymnopédies“ und „Trois Gnossiennes“, Titel, die das antike Griechenland huldigen. Musikalisch sind sie aber eher in der meditativen Haltung mittelalterlicher Mystik angesiedelt. Jean Cocteau sagte über Saties Musik, dass sie eine große Zärtlichkeit ausstrahlen, die fast nicht zu entziffern sei. Claire Chevallier konnte aus dem bei Saint-Saëns so „bombastisch“ klingenden Flügel durch ihre ausdifferenzierte Anschlagskultur eine Zartheit erlangen, von der man wollte, sie möge nicht vergehen. Doch bei Claude Debussys „Pagodes“, die javanische Musik reflektiert, „Soirée dans Grenade“ oder Tarantelle styrienne“ wird der Érard wieder in all seinem Facettenreichtum bedacht. Das Impressionistische der Musik des Franzosen wird mit weitgehend dunkel leuchtenden Farben „gemalt“ und schattiert, eine traumverlorene Schönheit des Klangs aus einer andern Zeit. Mit funkelnder Virtuosität und scharfkantiger Energiegeladenheit wusste Claire Chevallier dagegen zum Schluss die lebensfrohe und noch dem opulenten Impressionismus verpflichtete Fantasia baetica des Spaniers Manuel de Falla zu musizieren, eine Hommage an Andalusien. Authentizität war an diesem Konzertabend mit König Érard hervorstechendes Merkmal. Dafür war die Zuhörer sehr dankbar.

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