Kultur : Erbe zu verscherbeln

Trotz Proteststurm: Baden-Württemberg will 3500 Handschriften verkaufen, um ein Schloss zu sanieren

Bernhard Schulz

20 Millionen Mark kostete im Jahr 2001 der Erwerb der „Handschrift C“ des Nibelungenliedes, eines der wichtigsten Zeugnisse mittelalterlicher Dichtung. Die unter anderem mit Landesmitteln erworbene Handschrift kam in die Landesbibliothek Karlsruhe. Diese Zuweisung begründete der baden-württembergische Wissenschaftsminister Klaus von Trotha damit, dass der „für Germanistik relevante Dokumentations- und Sammlungszusammenhang“ bei dem Karlsruher Haus „in besonders dichter Form vorhanden“ sei.

Nun ist dasselbe Land Baden-Württemberg dabei, genau diesen Sammlungszusammenhang zu zerreißen. 70 Millionen Euro, so die durchaus vage Hoffnung, soll der weltweite Verkauf von sage und schreibe 3500 Handschriften aus dem Gesamtbestand von 4200 Codices einbringen. Mit diesem Erlös, so die – noch der Bestätigung durch den Landtag harrende – Einigung mit dem Markgrafen von Baden, sollen sämtliche angeblich noch schwebenden Eigentumsansprüche des Fürstenhauses an Museen und Bibliotheken des Landes abgegolten werden. Der Erlös soll der langfristigen Erhaltung und Pflege des Fürstensitzes Schloss Salem dienen, mit der sich der Markgraf finanziell überfordert sieht.

Landesfinanzminister Gerhard Stratthaus (CDU) rechtfertigte den Vertrag mit den Worten, damit würde eine seit 1919 schwelende Auseinandersetzung mit dem Adelshaus über ungeklärte Eigentumsverhältnisse „endgültig beigelegt“. Die Alternative sei ein „langwieriges Gerichtsverfahren mit ungewissem Ausgang“. Parteifreund und Kunstminister Peter Frankenberg (CDU) sekundierte mit der Behauptung, die Bedeutung der Karlsruher Bibliothek werde nicht „geschädigt“, da die für die badische Landesgeschichte bedeutenden Handschriften nicht verkauft würden.

Gegen den Ausverkauf der Mittelalterabteilung der Landesbibliothek hat sich ein Proteststurm erhoben, mit der die Stuttgarter Regierung nicht gerechnet hatte. Und das nicht nur im Ländle: So veröffentlichten 19 Gelehrte angelsächsicher Spitzenuniversitäten einen flammenden Aufruf, in dem sie die Provinzpolitiker daran erinnerten, dass das oberrheinische Herkunftsgebiet der Handschriften „eine treibende Kraft in der Geschichte Europas“ gewesen sei. Der geplante Verkauf wird als „skandalös“ verurteilt.

Da prallen Welten aufeinander – die der Wissenschaft, von der die Landesregierung offenbar keinerlei Notiz nimmt (der Karlsruher Bibliotheksdirektor war nicht einmal in die Vertragsverhandlungen mit dem Fürsten eingeweiht!), und die der lokalen Prominenz des Altadels. Wie klamm das an Grundbesitz reiche Fürstenhaus tatsächlich ist, steht dahin. Die Erhaltung eines Baudenkmals, eben des weitläufigen Schlosses Salem, gegen die Verschleuderung von Büchern aufzuwiegen, ist jedenfalls eine grobe Missachtung der Verpflichtung des Landes zu Schutz und Bewahrung öffentlichen Kulturguts.

Denn anders, als die Landesregierung sich von den agilen Hausjuristen Bernhards von Baden hat einreden lassen, sind die Eigentumsverhältnisse keineswegs so undurchsichtig, dass der jetzt angestrebte Rechtsvergleich „gerechtfertigt“ wäre, wie der Finanzminister behauptet. Die badische Verfassung von 1818 – als sich nach Napoleon überall absolutistische Reiche in konstitutionelle wandelten – nennt das landesherrliche Vermögen „nach allgemein anerkannten Grundsätzen des Staats- und Fürstenrechts unstreitiges Patrimonialeigentum des Fürsten und seiner Familie“. Letztendlich auf diesen Passus stützt der Markgraf seinen Eigentumsanspruch. Denn der 1919 geschlossene Vertrag des nunmehr republikanischen Landes Baden mit dem vormalig Großherzoglichen Haus schlägt diesem das Patrimonialeigentum „als Privateigentum“ zu – und zwar ausdrücklich Teile des Grundbesitzbestandes, ohne jedoch den Kunst- und Bibliotheksbesitz zu erwähnen. Das Land Baden und seit 1952 das vereinte Baden-Württemberg haben diese Bestände denn auch seither gepflegt, wissenschaftlich bearbeitet und zugänglich gemacht. Zweifel an der öffentlichen Trägerschaft gab es über all die Jahrzehnte hinweg nie.

Nun will sich in Kürze auch der Bundestags-Kulturausschuss mit dem Fall befassen. Zudem erwägt Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) ein Ausfuhrverbot für die Handschriften. Damit fiele beispielsweise das finanzkräftige Getty-Museum in Los Angeles als bereits vermuteter Kaufinteressent weg – und die Erlöshoffnung von 70 Millionen Euro in sich zusammen. Wichtiger als solche taktischen Erwägungen wäre jedoch eine verfassungsrechtliche Klärung des Fürstenvertrags von 1919. Der könnte das Land Baden-Württemberg mit Gelassenheit entgegensehen – auch wenn die Geduld womöglich auf Jahre strapaziert würde.

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