Kultur : Erben vor den Scherben

THOMAS ROSER

Holländische "Beutekunst": Bis heute lehnt Den Haag die Rückgabe von Bildern abVON THOMAS ROSER"Kurzsichtigkeit" wirft die Amerikanerin Charlene von Saher dem niederländischen Kulturministerium vor: "Der niederländische Staat schaut nicht nach dem Unrecht, das unserer Familie von den Nazis angetan wurde, es hält die Augen vor unserem Fall bewußt geschlossen." Die Enkelin des 1940 auf der Flucht vor den Nazis umgekommenen Amsterdamer Kunsthändlers Jacques Goudstikker will Den Haag nun verklagen.Der Grund: Die niederländische Regierung verweigert den Erben eine Entschädigung für dessen 1940 von NS-Reichsmarschall Hermann Göring "aufgekauften" Kollektion. Vor der deutschen Besatzung der Niederlande war Goudstikker der größte Kunsthändler des Königreichs.Beim Einmarsch der Wehrmacht rettete sich der jüdische Händler 1940 auf das letzte Flüchtlingsschiff nach England, brach sich aber während der Überfahrt bei einem Fall in den Laderaum das Genick.Angestellte seines Unternehmens verscherbelten die Immobilien des Händlers an einen deutschen Bankier und die Kunstkollektion weit unter Wert für zwei Millionen Gulden an Hermann Göring. Nach dem Krieg spürten die Alliierten einen Großteil der Kollektion in Deutschland auf und übergaben sie dem niederländischen Staat.Nach ihrer Rückkehr nach Holland mühte sich Desi Goudstikker, die Witwe des Kunsthändlers, vergeblich, die gegen ihren Willen veräußerten Gemälde wieder zurückzuerhalten.Den Haag befand damals, daß die Bilder von "rechtmäßigen Verwaltern" des Kunsthandels aus "freien Stücken" zu einem "exorbitant hohen" Betrag an Göring verkauft worden seien.Goudstikker müsse den Kaufbetrag zurückerstatten, wenn sie die Bilder wieder haben wolle - ansonsten sei ihr Anspruch verwirkt. Die Witwe, die ohnehin nicht den vollen Kaufbetrag erhalten hatte, weigerte sich, zwei Millionen Gulden zu bezahlen - und dafür lediglich die wiederaufgefundenen Bilder zu erhalten.Ein Rechtsstreit folgte.Zwar gelang es Desi Goudstikker, einen Teil der Immobilien 1949 vom Staat zu erwerben.1952 gab sie jedoch den Rechtstreit mit Den Haag entnervt auf und verzichtete auf die Gemälde. Im vergangenen Jahr brachten Mitarbeiter des Reichsinstituts für Kriegsdokumentation (RIOD) und das "Algemeen Dagblad" den Fall erneut in die Öffentlichkeit - und sorgten damit für Wirbel.Erbost schrieb die frühere Widerstandszeitung "Het Parool" vom "Kunstraub des Jahrhunderts".Die in Amerika lebenden Erben von Goudstikker forderten Schadenseratz, zumindest einen eigenen Ausstellungsraum für die 150 bedeutendsten Bilder der früheren Kollektion, die inzwischen in staatlichen Museen hängen. Nun lehnte Staatssekretär Aad Nuis die Forderungen der Familie erneut ab."Bewußt und wohl erwogen" habe die Witwe auf ihre Ansprüche verzichtet, so Nuis.Den Haag habe den Fall nach dem Krieg "gut" behandelt.Man könne die Geschichte nicht 50 Jahre später zurückdrehen, weil man die damalige Entscheidung bedauere: "Desi Goudstikker wollte nach dem Krieg lieber das Geld von Göring behalten als die Kunstwerke zurückerhalten.Die Erben haben keine Ansprüche - und können darum auch nicht entschädigt werden." Der niederländische Staat verhalte sich genauso wie vor 50 Jahren, entrüstet sich Christine Koenigs, die Enkelin des Kunstsammlers Franz Koenigs, deren Schadensersatzforderungen im vergangenen Jahr von Den Haag ebenfalls abgewiesen wurden.Die Tageszeitung "De Volkskrant" glaubt indes, daß die Goudstikker-Enkel mit ihrer nun angekündigten Klage gegen den niederländischen Staat Erfolg haben könnten: "Die Erben haben gute Argumente."

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