Kultur : Erbschaft des Jahrhunderts

Moderne Kunst und Geschichte: Die geheimnisumwitterte Kunstsammlung des Deutsch-Schweizer Milliardärs Friedrich Christian Flick kommt nach Berlin

Bernhard Schulz

Der große Bahnhof ist ihm gewiss. Wenn Friedrich Christian Flick heute Mittag zur Pressekonferenz im Hamburger Bahnhof erscheint, der stolz „Museum für Gegenwart“ genannten Dependance der Berliner Nationalgalerie wird der Medienauftrieb die Erwartungen der Verantwortlichen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) gewiss erfüllen. Stiftungspräsident Klaus-Dieter Lehmann und Museums-Generaldirektor Peter-Klaus Schuster werden ihren sorgfältig eingefädelten Coup erläutern, die geheimnisumwitterte Kunstsammlung des seit drei Jahrzehnten Schweizer Bürgerrecht genießenden Milliardärs nach Berlin zu lotsen – freilich nur als Leihgabe „ab 2004 zunächst für sieben Jahre“, wie es vorab in den wenigen Zeilen der Pressemitteilung heißt.

Wäre es die Sammlung allein – schon dann wäre das öffentliche Interesse vollauf gerechtfertigt. Um 2500 Werke der – im weitesten Sinne – Gegenwartskunst soll es sich handeln, mit großen Werkblöcken von Andy Warhol, Bruce Nauman, Sigmar Polke, Gerhard Richter und Vertretern der Minimal Art, aber auch mit einem Querschnitt durch die zeitgenössische Schweizer Szene. Allerdings kann bis auf einen kleinen Kreis von Eingeweihten niemand die Sammlung in ihrer Gänze überblicken. Öffentlich gezeigt worden ist sie bislang noch nicht. Ein umfassender Bestandskatalog hätte zu der Ausstellung im Münchner Haus der Kunst erarbeitet werden sollen, die für das vergangene Jahr geplant war, jedoch kurzfristig vom Sammler abgesagt wurde. Immerhin wird Flick als großzügiger Leihgeber gerühmt, ohne dessen Mitwirkung so manche Retrospektive der Größen des gegenwärtigen Kunstbetriebs nicht hätte ausgerichtet werden können.

Es ist aber weniger die Sammlung als der Sammler selbst, der Aufmerksamkeit erregt, vielmehr: sein Name. Flick – das ist ein Reizwort, das in Deutschland vor bald zwanzig Jahren mit der „Flick-Affäre“ um illegale Parteispenden und großzügig gewährte Steuerbefreiungen zuletzt die Öffentlichkeit aufwühlte. Doch ganz so kurz ist das kollektive Gedächtnis nicht, dass es den Beiklang des Namens Flick schon vergessen hätte. Im vergangenen Sommer schlugen die Wellen hoch, als Flick seine Sammlung erstmals der Öffentlichkeit antrug – allerdings nicht in Deutschland, sondern in Zürich.

Der überwiegend im Westschweizer Nobel-Skiort Gstaad lebende 58-jährige Flick wollte ein eigenes Museum bauen lassen, hatte dafür ein Grundstück an der Hardturmstraße im neuerdings fashionablen Ex-Industriegebiet des Zürcher Westens ausersehen und bereits den niederländischen Weltstar Rem Koolhaas als Architekten gewonnen. Da aber brach ein Sturm der Empörung los: Die Zürcher Kulturszene, angeführt vom seinerzeit noch unangefochtenen, gerade eine Saison amtierenden Schauspiel-Chef Christoph Marthaler, rief die NS-Verstrickung des Konzerngründers Friedrich Flick in Erinnerung, des Großvaters des Sammlers. Sie sah am Vermögen des Enkels das Blut der 40000 Zwangsarbeiter kleben, die in den Rüstungsbetrieben des Konzerngründers hatten schuften müssen. Friedrich Christian, so der Vorwurf, habe sich nie eindeutig von den Untaten des Großvaters distanziert, vielmehr mit dem ererbten Geld seine Kunstsammlung aufgebaut, mit deren Präsentation er sich moralisch reinwaschen wolle. Es erging der Appell, in die (deutsche) Bundesstiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ zur Entschädigung von Zwangsarbeitern einzuzahlen, was Flick grundsätzlich ablehnte.

Allerdings mit Recht: Denn die Konstruktion der Zwangsarbeiterstiftung sieht Zahlungen zur Hälfte vom Bund und zur anderen von Unternehmen vor, nicht von Privatpersonen. Diejenigen Unternehmen aber, die zur Nazi-Zeit im Besitz des „alten“ Flick waren oder an denen dieser nach dem Krieg bedeutende Anteile erworben hatte, wie Daimler-Benz, Feldmühle oder Dynamit Nobel, haben bereits in die Stiftung eingezahlt. Stattdessen gründete der Flick-Erbe als Versöhnungsgeste eine eigene „Stiftung für Zivilcourage gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz“ mit seinerzeit zehn Millionen Mark Grundkapital. Sie hat ihren Sitz in Potsdam – und verzeichnet die SPD-Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende des Bundestags-Kulturausschusses, Monika Griefahn, als stellvertretende Vorsitzende ihres Stiftungsrats. Monika Griefahn sowie Antje Vollmer, die seitens der Grünen mit Engagement die vom Bund mitfinanzierten Erwerbungsaktivitäten der Staatlichen Museen begleitet, haben für morgen eine eigene Pressekonferenz angekündigt – wohl wissend, dass der Flick-Handel Widerspruch erregt. Ein geharnischter Protest kam bereits gestern von der Berliner Grünen Alice Ströver, die den Deal als „Handstreich“ und „Akt der Geheimniskrämerei“ beklagt.

Doch zurück nach Zürich. „Die Kunst der Sammlung“ – so Marthaler und seine Schauspiel-Kollegen im Frühjahr 2001 – „können wir nicht vom Wissen darüber trennen, dass sich die Familie Flick bis heute weigert, Entschädigungsgelder an ehemalige Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge zu bezahlen.“ Die so geknüpfte Verbindung zwischen Kunst und Moral bestimmte fortan die Debatte. Großzügig sahen die aufgebrachten Kulturleute von der Tatsache ab, dass mehrere wohl gelittene Schweizer Privatsammlungen aus Rüstungs- und speziell auch NS-Geschäften finanziert wurden – und heute unbeanstandet zu den Glanzlichtern von Zürich oder Winterthur zählen. Für Flick wurden strengere Maßstäbe benüht. Man wolle ihn nicht als Nachbarn haben, so Marthaler, der gerade eine Zweitbühne auf dem zum Kulturzentrum umgewidmeten Areal der Sulzer-Escher Wyss AG bezogen hatte, wo auch die Flick-Sammlung ihren Sitz hat, und wo eben Flick seinen Neubau errichten wollte.

Dass Kunst und Moral eine untrennbare Einheit bildeten, wurde in der Folgezeit von besonnenen Geistern wie dem Münchner Kunsthistoriker Walter Grasskamp, einem der spitzzüngigsten Kritiker des Kulturbetriebs, energisch bestritten – doch der Pauschalvorwurf von Marthaler & Co. blieb haften. Die Sachlage stellt sich indessen etwas differenzierter dar. Friedrich Christian („Mick“) Flick und sein Bruder Gert-Rudolf („Muck“) waren seit 1966 mit jeweils 12,12 Prozent an der Friedrich Flick AG ihres 1972 gestorbenen Großvaters beteiligt. 1975 wurden sie vom Konzernchef, ihrem Onkel Friedrich Karl Flick, ausbezahlt. Als dieser Ende 1985 den Gesamtbesitz für fünf Milliarden Mark an die deutsche Bank verkaufte, gab es nach gerichtlichem Streit eine Nachzahlung.

Über die gesamte Höhe der Abfindungen gehen die Angaben auseinander. Friedrich Christian nennt sie „weit geringer, als dies in der Presse herumgereicht wird“. Stets war von zuerst 308 Millionen Mark und dann nochmals 225 Millionen Mark die Rede, allerdings jeweils für ihn und seine beiden Geschwister insgesamt. Der Erbe trat als Finanzanleger erfolgreich in die Fußstapfen seines Großvaters und wusste sein Vermögen bis auf die heute geschätzte Höhe von mindestens einer halben Milliarde Euro zu mehren. Flick senior selbst, „Wehrwirtschaftsführer“ und einziges Ruhrindustrie-Mitglied in Himmlers „Freundeskreis Reichsführer SS“, war 1947 in einem der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse zu sieben Jahren Haft verurteilt, auf Grund einer Amnestie aber nach drei Jahren entlassen worden. Darauf startete er erfolgreich den Neuaufbau seines Firmenimperiums, von dessen einstigem Bestand zwei Drittel in den sowjetisch eroberten Gebieten enteignet worden waren.

Die historische Verantwortung aus dem Familiennamen Flick heraus sieht der Enkel, schränkt sie indessen ein. „Wie kann ich schuldig sein für etwas, das ich nicht getan habe? Ich sehe mich nicht in einer Schuld, sondern in einer politischen und persönlichen Verantwortung, von meiner Seite dazu beizutragen, dass sich in der Geschichte Unheil, wie es im Dritten Reich angerichtet worden ist, nicht wiederholt“, erklärte er im März 2001 auf einer Pressekonferenz in Zürich. Dort ließ er zugleich eine schriftliche Darstellung „Über meine Sammlung“ verteilen. In ihr nennt der 1944 geborene Sammler Beweggründe, die sich mit dem politisierten Zeitgeist seiner jüngeren Jahre aufs Engste decken. „Besonders die von mir hoch geschätzten Künstler der sechziger und siebziger Jahre haben intensiv daran gearbeitet, die Kunst zu demokratisieren“, schreibt Flick: „Ich habe viel von ihnen gelernt, und weil ich mich ihrem Ansatz verpflichtet fühle, möchte ich den Werken meiner Sammlung einen geeigneten Kontext schaffen, in dem auch eine breite Öffentlichkeit diese Erfahrungen machen kann.“

Diese Öffentlichkeit sucht Flick nun in Berlin – und mit ihm die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die die aufkeimenden Bedenken etwa von Vertretern der Jüdischen Gemeinde in aller Stille zu beschwichtigen wusste. Im Herbst vergangenen Jahres wurde die Angelegenheit zwischen der Stiftung, dem Regierenden Bürgermeister und schließlich der frisch berufenen Kulturstaatsministerin im Bundeskanzleramt, Christina Weiss, geregelt. Der Bund als Hauptfinanzier und Berlin als Sitzland bestellen die Spitze des Stiftungsrates. Christina Weiss war es auch, die sich den späten Vorstellungstermin für den längst durchgesickerten und von der Preußen-Stiftung wortkarg eingeräumten Flick-Deal ausbedungen hat.

„Mit der konzeptionellen Einbindung in die Struktur der Staatlichen Museen wird die Sammlung“ – so die Mitteilung der SPK – „die Berliner Museumslandschaft entscheidend bereichern.“ Genau das ist jedoch die (spannende) Frage. Mit dem Einzug in die „Rieck-Halle“ neben dem Hamburger Bahnhof wird ein weiterer Standort für die moderne Kunst geschaffen, mehr nicht. Eine Integration der ausgewählten Sammlungsstücke Flicks in die Präsentation des nebenan gelegenen Hamburger Bahnhofs steht nicht zur Diskussion. Dort nämlich, wo dem Gründungskonzept von 1987 nach ein Forum für Berliner Privatsammler geschaffen werden sollte, residiert eine einzige Groß-Sammlung: die von Erich Marx – mit Kunst von den sechziger Jahren bis heute.

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