Kultur : Erbsenzähler

Der Maler Andreas Schulze bei SprüthMagers

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Überlänge. Schulzes „Seestück/5 Sorten Wasser“ aus diesem Jahr misst 4,40 Meter.
Überlänge. Schulzes „Seestück/5 Sorten Wasser“ aus diesem Jahr misst 4,40 Meter.

Zuerst sieht man das Fenster. Eigentlich sind es drei enorme Löcher, die den Alltag ungefiltert nach drinnen lassen. Ein Alptraum für die Erbauer künstlicher Welten, die den white cube als Schutzraum brauchen. Das gilt auch für Andreas Schulze, obwohl seine Malerei das ganz Banale abzubilden scheint: Stühle, Sofas, Teppiche. Doch wer im vergangenen Sommer Schulzes Ausstellungen in der Sammlung Falckenberg (Hamburg) oder im Dürener Leopold-Hoesch-Museum gesehen hat, der weiß um den simulativen Charakter seiner Interieurs.

Beide Male trug Schulze dick auf. Strich Fußboden und Wände farbig und stellte eigene Möbel und Lampen in die nun unheimlich wohnlichen Hallen. Der Samt des Sessels ließ sich anfassen, der fluffige Teppich zu Füßen der Besucher dagegen war pure Illusion. Genau wie die Wege und Fensteröffnungen.

In der Galerie SprüthMagers präsentiert der Maler nun die schlanke Variante. Kein echtes Inventar, stattdessen sieben große Bilder, die „Dreckecke“ von 1985 und ein Filzvorhang mit Ausschnitten für Tür und Fenster im vorderen Raum. Manchen mag das nach dem vorangegangenen overloading etwas enttäuschen, doch Schulze erfüllt ungern Erwartungen. Ein Bruch musste her – obwohl auch dies nicht typisch für den 55-Jährigen ist. An seinem Stil jedenfalls hat er Jahrzehnte festgehalten und ihn über alle Moden gerettet: durch die Emphase der Achtziger, die spröde Diskursivität der Neunziger und das feinteilige Malen der nuller Jahre. Auch auf die Gefahr hin, dass seine Malerei zwischenzeitlich selbst aus der Mode kommt.

Man tat sich schwer mit ihrer großflächigen Gegenständlichkeit. Mit dem Unernst, der die überdimensionierten Dinge plötzlich ins Flächige kippen lässt. Schließlich auch mit den Abgründen jener aufgeräumten Welt, die bloß darauf wartet, das einer die Erbsen auf den blitzweißen Tellern zählt. Personal aber sucht man in den meterlangen Szenarien vergebens. Stattdessen scheinen die Gegenstände, ihre metallisch schimmernden Körper, zu leben – oder doch eher zu vegetieren, weil ihnen der Maler irgendein dubioses und dennoch existentielles Detail vorenthält.

Schulzes Sujets (Preise: 6500–45 000 Euro) sind voller Widersprüche, behaupten Realität und setzen sie im selben Moment außer Kraft. So fügt sich das dritte Fenster im Raum aus zwölf quadratischen Leinwänden zusammen, die den Blick nach draußen bloß suggerieren: Durch die falschen, virtuosen Rahmenimitate schaut man wiederum auf abstrakte Malerei. Was „guten Geschmack“ ausmacht, interessiert den Künstler, der inzwischen als Professor an der Düsseldorfer Akademie lehrt, dabei wenig. Mehr schon, wie sich die Insignien bürgerlichen Wohlempfindens, das Ornament und glatte Oberflächen, derart aufblähen lassen, dass sie einen zu ersticken drohen. Die Galeristin Monika Sprüth hat das Potenzial der Arbeiten früh erkannt und 1984 ihre erste Ausstellung in Köln überhaupt mit Schulzes Bildern bestritten. Zu Recht, wie man aktuell sieht. Christiane Meixner

Galerie SprüthMagers, Oranienburger Str. 18; bis 12. Februar, Di - Sa 11 - 18 Uhr.

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