Erbstreit : Die Jagd nach dem verborgenen Schatz

Posse oder Tragödie? Ein Erbstreit in Tel Aviv weitet sich aus zu einem späten Drama um Franz Kafka und Max Brod.

Peter von Becker

Helle Aufregung. In einem Nebel von nicht leicht fasslichen Informationen, Spekulationen, Verdächtigungen. Dabei denkt man, es gehe mal wieder um den Prager Jahrhundertautor Franz Kafka, von dem womöglich unbekannte Werke noch in geheimnisvollen Banksafes oder einer Wohnung in Tel Aviv schlummern. Zudem heißt es, Israel verlange von Deutschland die Herausgabe von Kafka-Handschriften. Gemeint ist insbesondere das Manuskript des wohl berühmtesten Kafka-Romans „Der Process“, den das Deutsche Literaturarchiv in Marbach 1988 vor den Augen der Welt für 3, 5 Millionen Mark bei einer Auktion von Sotheby’s in London erworben hat.

Meldungen, die Israelische Nationalbibliothek in Jerusalem beanspruche nun das Eigentum an Kafkas Autografen, werden immer wieder lanciert durch einen einzelnen, besonders eifrigen Reporter der israelischen Zeitung „Haaretz“ – und nun geistern sie auch durch die internationalen Medien. Eine solche offizielle Forderung wurde bisher zwar nie erhoben. Aber in einem umfänglichen Bericht in der jüngsten Feuilleton-Ausgabe der „Zeit“ ist zu lesen: „Erstmals seit 1945 stehen sich damit eine staatliche israelische und eine staatliche deutsche Kulturinstitution als Streitparteien in einem Prozess gegenüber.“

Dies ist freilich nicht richtig. Es gibt keinen Prozess um den „Process“, es gibt bis heute allein einen privaten Erbscheinstreit vor einem Familiengericht in Tel Aviv. Gerechtet wird um eine Erbschaft aus dem Jahr 2007 – und mittelbar um eine Schenkung zu Lebzeiten des in Israel 1968 gestorbenen Autors und Literaturwissenschaftlers Max Brod, des engsten Freundes und späteren Herausgebers von Franz Kafka.

Ulrich Raulff, der Leiter des Marbacher Literaturarchivs, zum Tagesspiegel: „Wir haben zwar vorsorglich einen Anwalt in Tel Aviv eingeschaltet, aber wir sind nicht an dem innerisraelischen Erbschaftsprozess beteiligt. Wir haben 1988 unter völlig einwandfreien Umständen und bona fide die ,Process’-Handschrift erworben.“ Zwei Jahrzehnte lang hat man in Israel nie einen Einspruch oder gar Anspruch erhoben, und auch jetzt gibt es keine neue juristische Lage. Raulff: „Die israelischen Archiv-Gesetze besagen, dass bei Handschriften von herausgehobener Bedeutung Kopien im Lande verbleiben müssen, und dafür wurde gesorgt und dem Gesetz genüge getan. Außerdem steht Kafka in Faksimile-Versionen im Netz und jedes Wort von ihm ist der Forschung zugänglich und wurde kritisch ediert.“

In der „Zeit“ allerdings wird Shmuel Har Noy, der Direktor der Israelischen Nationalbibliothek, nun mit der Aussage zitiert, dass „der rechtmäßige Ort“ für die „Kafka papers“ in seinem Haus in Jerusalem sei. Das hat er als harsche Antwort auf eine persönliche, über die genannten Medienberichte höflich besorgte Anfrage seines deutschen Kollegen nach Marbach geschrieben. Und weil der Fall in seinen denkbaren Weiterungen auch ein Stück kulturelles Welterbe betrifft, muss man ein paar vertrackte (kuriose, kulturkrimihafte) Einzelheiten doch erklären.

In Brods Besitz, den er 1939 bei der Flucht aus Prag vor den Nazis in einem legendären Lederkoffer nach Israel rettete, befand sich neben anderen Handschriften auch das Manuskript von Kafkas Roman „Der Process“. Brod hatte es von Kafka geschenkt bekommen, später, nach Kafkas Tod an Lungentuberkulose im Jahr 1924, hat Max Brod dann den Wunsch Kafkas, all seine Werke und Briefe zu verbrennen, zum Glück der ganzen Nachwelt ignoriert. Und als Flüchtling in Israel gab Brod den Teil des ihm nicht persönlich vermachten Kafka-Nachlasses zurück an die wenigen, dem Holocaust entronnenen Familienerben des jüdischen Freundes. Von dort sind die Handschriften etwa der Kafka-Tagebücher, des Romans „Das Schloss“ oder der „Verwandlung“ dann an die Bodleian Library in Oxford gelangt. Den „Process“ aber und einige weitere Zeichnungen, Briefe und kleinere Manuskripte Kafkas schenkte der Flüchtling Brod schon 1945 – wie er auch später bestätigte – seiner Sekretärin und engen Freundin Ester Hoffe. Diese Schenkung hat ein israelisches Gericht noch 1974 ausdrücklich bestätigt.

Die Israelin Ester Hoffe, die zum Kummer von Kafka-Exegeten und auch Brod-Freunden einzelne Stücke aus dieser Schenkung nach Max Brods Tod in den 70er und 80er Jahren in Europa verkaufte, hatte aus historischen Gründen lange Zeit Vorbehalte gegenüber deutschen Stellen. Aber schon 1986, zwei Jahre vor der Londoner „Process“-Auktion, übergab sie dem Marbacher Archiv ein Konvolut von Briefen und Karten des Autors Stefan Zweig an Max Brod. Und seit den 1990er Jahren ist Marbach mit der Familie Hoffe offenbar in einvernehmlichem Kontakt. Denn Marbach ist interessiert, all das, was Brod nicht nur mit Kafka, sondern mit unzähligen anderen jüdischen und nichtjüdischen, in jedem Falle deutschsprachigen Schriftstellern, Künstlern und Intellektuellen verband, zu erwerben und für die Öffentlichkeit wissenschaftlich aufzubereiten.

Seit Ester Hoffe 2007 mit 101 Jahren in Tel Aviv starb, wird ihren Töchtern Eva und Ruth, beide hoch über 70, jegliche Verfügung über ihr Erbe verweigert. Gestritten wird um die Schlüssel von Banktresoren und den von Eva Hoffe seit vielen Jahren verweigerten Zutritt in ihre Wohnung in der Spinoza Road in Tel Aviv. Nach einem der „Haaretz“-Artikel über dort angeblich herumlungernde Katzen und vergammelnde Kafka-Kartons gab es erst kürzlich einen nächtlichen Einbruchsversuch – Täter bisher nicht ermittelt. Dabei geht es weniger um den in Israel noch immer kaum bekannten (deutschsprachigen) Brod als mit immer fantastischeren Spekulationen um vermeintlich verborgene Kafka-Schätze. Es ist von Banksafes in Israel und der Schweiz die Rede, und trotz „einer maschinengeschriebenen Inventarliste kennt niemand mehr den genauen Inhalt“ (so die „Zeit“ und kürzlich auch der „Spiegel“). Eine Kopie der Inventarliste besitzt freilich Reiner Stach, der in Berlin (und auf einer Kanaren-Insel) lebende, inzwischen beste Kafka-Biograf, der zur Zeit am dritten und letzten Band seiner rund 2000 Seiten umfassenden, trotzdem fabelhaft spannenden Lebenserzählung des Prager Genius arbeitet.

Reiner Stach zum Tagesspiegel: „Gerade hat Eva Hoffe offenbar fünf Schlüssel für Safes in zwei israelischen Banken an einen vom Gericht bestellten Nachlassverwalter übergeben müssen. Es existiert aber wohl noch ein sechster Safe in Tel Aviv und mindestens einer in Zürich, und Teile von Max Brods Nachlass lagern vermutlich noch in der Wohnung. Es muss sich um etwa 20 000 Blätter, Briefe und sonstige Schriftstücke handeln. Von Kafka sind nur ein paar seiner kleinen Zeichnungen darunter, und in Zürich liegt noch das in Kopie längst bekannte und edierte Originalmanuskript des Fragments ,Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande’.“

Stach sagt: „Nicht Kafka selber, sondern wertvolle Zeugnisse über Kafka wären hier noch zu entdecken. Aus Brods Tagebüchern aus den Jahren 1909–11 könnte man viel erfahren über die enge, täglich gepflegte Freundschaft mit Kafka – und nebenbei gesagt, über Brods damals regelmäßige Bordellbesuche ... Es gibt ein eigenes Notizheft über die ostjüdischen Schauspieler, die Kafka stark angeregt haben, dazu natürlich Brods Korrespondenzen mit Martin Buber, Arthur Schnitzler, Heinrich Mann und vielen anderen. All das ist auf Deutsch geschrieben, und in Israel gibt es dafür weder die sprachkundige Literaturwissenschaft noch ein Publikum. Kafka war Prager mit österreichischem Pass – trotzdem kommen heute weder die Tschechen noch die Österreicher und beanspruchen ihn!“

Auch in Basel, wo vom Berliner Auktionshaus Stargardt zusammen mit der Schweizer Moirandat Company am 26. November als Los Nr. 147 für 120 000 Franken ein achtseitiger Schlüssel-Brief Kafkas an Max Brod vom 11. September 1922 angeboten wird (den ein Vorbesitzer von den Hoffes erworben hatte), auch dort wurden bisher keine rechtlichen Einwände geltend gemacht. Ulrich Raulff meint, frei nach dem berühmten ersten Satz des „Process“ („Jemand musste Josef K. verleumdet haben“): „Irgend jemand will uns als chancenreichen Bewerber um Max Brod diskreditieren. Das Ganze ist absurd und nutzt keinem.“

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