Kultur : ErdbebensicherRenzo-Piano-Konzertsaal für das kaputte L’Aquila

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Es war ein bewegender Moment für Claudio Abbado und sein Orchestra Mozart, als sie im Juni 2009 für die Bevölkerung von L’Aquila Schuberts Tragische Sinfonie aufführten. Da lag das verheerende Erdbeben in den italienischen Abruzzen gerade zwei Monate zurück. Inzwischen ist mehr als ein Jahr vergangen, und der Zorn der Einwohner auf die Behörden wächst. Das historische Zentrum der Stadt ist immer noch ein Trümmerfeld, der Wiederaufbau der barocken Palazzi kommt nicht voran. Auch mit dem blühende Musikleben, das L’Aquila einst den Beinamen „Salzburg Italiens“ einbrachte, ist es vorbei. Das Konservatorium „Alfredo Casella“ wurde schwer beschädigt, den Orchestern der Stadt fehlen Konzert- und Probensäle.

Schwer erschüttert, startete Abbado die Spendenaktion „Ein Haus für die Musik“, bei der rund 50 000 Euro für den Bau eines provisorischen Konzertsaales zusammenkamen. Mit dem Entwurf beauftragte er seinen Freund, den Stararchitekten Renzo Piano. Dieser hatte zuletzt ein Begrünungskonzept für Abbados Heimatstadt Mailand entwickelt. Seine Rückkehr ans Pult der Mailänder Scala nach 24 Jahren wollte sich der Dirigent in Naturalien bezahlen lassen: mit 90 000 Bäumen für die vom Smog geplagte norditalienische Metropole. Daraus wurde nichts. Erst verhinderte die Bürokratie die Begrünung, dann der Gesundheitszustand des Maestro einen Auftritt.

Was nun Renzo Pianos Projekt für L’Aquila betrifft, so steht immerhin schon die Finanzierung des Gebäudes, das vor der Spanischen Festung stehen soll. Äußerlich soll es die Form eines auf der Kante stehenden Würfels haben und 40 Musikern sowie 238 Zuhörern Platz bieten. Flankiert wird der Konzertsaal von zwei kleineren Kuben, in denen das Foyer, Künstlergarderoben und technische Anlagen untergebracht sind. Die drei Würfel bestehen ganz aus Holz, einem von Piano geschätzten Material, das als relativ erdbebensicher gilt. Die Einweihung ist derzeit für das Frühjahr 2011 avisiert. Die innere Form des Konzertsaals erträumt sich Piano als „große Stradivari“. Ähnliche Konstruktionen aus Tannenholz könnten auch beim Wiederaufbau der Altstadt verwendet werden, meint der Architekt.

Piano ist nicht der einzige Architekt, der sich für die Musiker in L’Aquila einsetzt. Der Japaner Shigeru Ban plant, das Konservatorium und dessen Konzertsaal wieder aufzubauen. Wie bereits in anderen Katastrophengebieten will er Papierrohre als Stützelemente verwenden. Im Gegensatz zu Piano stieß Ban mit seinen Ideen in L’Aquila jedoch auf Widerstand. Obwohl die japanische Regierung bereits beim G 8-Gipfel in L’Aquila angekündigt hatte, der Stadt das Auditorium mit 600 Plätzen schenken zu wollen, machten die Behörden in Italien schließlich einen Rückzieher. Der Fall wurde zum Politikum. Nach offiziellen Protesten aus Japan erhält der geschmähte Architekt nun mit einem „abgespeckten“ Projekt eine zweite Chance.Corina Kolbe

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