Kultur : Erdmännchen und Luftgeister

Die Stadt der Zukunft wird energiesparsam sein. Aber ist ökologische Architektur auch schön?

Jennifer Lynn Erdelmeier

Im Jahr 2050 wohnt ein Großteil derBerliner im Erdinneren. Lange, organisch geformte Tunnel verbinden Häuser und Wohneinheiten miteinander. Oberhalb der Erde erstreckt sich eine grüne Hügellandschaft, schiebt sich zwischen Häuserschluchten, steigt an, fällt ab und modelliert die Stadtoberfläche. Ab und zu sieht man Fenster oder Türen, die ahnen lassen, dass man sich auf einem Gebäude befindet. Man wohnt nicht mehr in, sondern im Prenzlauer Berg. Neue Freiflächen begrünen und durchlüften die Stadt.

Gebaut hat die Wohnlandschaft ein Bakterium namens Shewanella, das per mikrobiologischem Prozess Räume im Erdreich sich ausdehnen lassen kann. Zwecks Bewohnbarkeit müssen Böden, Fenster, Türen, Fahrstühle und Tunnel hinzugefügt werden. Fertig. Und absolut ökologisch. Es gibt keine Fassade, also entfällt das Dämmproblem; geheizt wird mit Erdwärme. Das Szenario entwickelte Protocol Architects, eine New Yorker Gruppe von Forschern, Künstlern und Architekten.

Die Städte von heute sind nicht mehr für die Ewigkeit gebaut. Sie unterliegen dem demografischen Wandel und dem Klimawandel, auch der Energiedebatte entkommen sie nicht. Mit dem Atomausstieg werden unsere Häuser und Städte künftig noch energieeffizienter sein müssen. Klimaneutrales Wohnen, Wärmerückgewinnung, Windkraftanlagen, Nullenergiehäuser, Solarpaneele heißen die Maßnahmen, mit denen man der Energieverschwendung trotzen will. Denn Städte und ihre Bewohner produzieren einen erheblichen Anteil an Treibhausgasen.

Einige Ökostädte stecken inzwischen in der Realisierungsphase. Zum Beispiel die komplett am Reißbrett entworfene Planstadt Masdar-City im Emirat Abu Dhabi. Das 17,5 Milliarden Euro teure Megaprojekt soll dem Wüstenstaat den Imagewechsel von Öl zu Öko bescheren, denn Masdar City soll vollständig von erneuerbaren Energien und einem eigenen Solarkraftwerk versorgt werden. Enge Gassen spenden Schatten – eine seit Jahrhunderten bewährte Methode der Klimaregulierung. Die Straßen bleiben kühl, auch der Energieaufwand für die Gebäude ist reduziert. Klimaanlagen sind überflüssig.

Wer ökologisch bauen will, kann auf historische Bauweisen zurückgreifen. In der Steinzeit wurde mit Moor und Gras gedämmt. Auch der Schnee, den die Inuit für ihre Iglus verwendeten, ist wegen des hohen Luftanteils ein guter Dämmstoff. Im Mittelalter isolierte man mit gebrannten Lehmziegeln, später auch mit Lehmputz. Der speichert Wärme und Feuchtigkeit und sorgt für ein angenehmes Raumklima. „Wir können sehr viel aus der Vergangenheit lernen“, sagt Michael Braum, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur. „Früher wurden die Wohnbereiche um den Stall gruppiert, damit die Wärme der Tiere verwendet werden konnte. Es wurden natürliche Abläufe genutzt, denn damals gab es ein sehr starkes kontextualistisches Denken, dass heute oft fehlt.“ Zudem hat sich das Heizverhalten stark geändert, das Gefühl für Wärme wurde über die Jahrzehnte hochgeschraubt. „In den 50er und 60er Jahren waren die Gebäude oft intelligenter aufgeteilt und Grundrisse mehr an den Himmelsrichtungen ausgerichtet. So musste man beispielsweise im Schlafzimmer in der Regel nicht heizen.“

Auch die Metropolen müssen umdenken. Vielleicht prägen in Zukunft nicht nur Solarzellen und Wärmedämmung unser Stadtbild, sondern Zuckerrüben, Getreide oder Kartoffeln werden zur Treibstoffgewinnung in den Parks angepflanzt. Und Windräder säumen die Straßen.

Jeder ist für Öko. Doch niemand will auf hässliche Windräder oder Solaranlagen blicken. Der Ästhetik von Windrädern hat sich jetzt das Amsterdamer Architekturbüro nl.architects angenommen. „Power Flowers“ nennen die Architekten ihre Windräder, die sich am Bild des Baums orientieren. Die Konstruktion soll auf kleinstem Raum so viel Energie wie möglich erzeugen; deshalb besteht sie aus einer stammartigen Stütze, die sich nach oben hin verästelt. An den Astenden sitzen blütenförmige Rotoren. Wie Solarzellen sollen die Windräder die Energie dort einfangen, wo sie gebraucht wird: mitten in der Stadt, in Parks oder auf Dächern.

Bis 2050 will die Bundesregierung den Kohlenstoffausstoß von Wohnhäusern um 80 Prozent senken: Haushalte verbrauchen heute 85 Prozent ihres Energiebedarfs für Warmwasser und Heizung. In Zukunft werden Gebäude vorwiegend erneuerbare Energien zum Heizen nutzen. Ein Großteil des Gebäudebestands muss daher radikal saniert oder umgerüstet werden, Häuser müssen vollständig in Wärmedämmung verpackt und neu verputzt oder verschalt werden. Doch was geschieht mit den Stukkaturen und Gesimsen an den Altbauten? Müssen die abgeschlagen werden? Weg mit allem Überflüssigen?

Wird man sich bei der zwangsläufigen Schlichtheit von nachgedämmten Fassaden auf den alten Leitsatz „form follows function“ von Louis Sullivan besinnen, dem Begründer der organischen Architektur? „Auf keinen Fall“, erwidert der niederländische Architekt Kees Christiaanse, der an der ETH Zürich lehrt. „Nachdämmung wird künftig nicht mehr den wichtigsten Faktor ausmachen, weil etwa durch Sonnenenergie in Kombination mit einer Wärmepumpe und Bodenheizung Dämmen dann nicht mehr notwendig ist. Zudem werden keine Emissionen verursacht und keine fossilen Brennstoffe verbraucht.“ Nachgedämmte Fassaden sind in seinen Augen nicht schlicht, sondern verunstaltet.

Christiaanse sieht in neuen Technologien vielmehr die Möglichkeit, energetische Optimierung und ästhetische Gestaltung miteinander zu verbinden. So entwickelt die ETH Zürich gerade einen GelPutz, der zwei bis drei Zentimeter dick ist und dessen Isolationswert genauso hoch ist wie der von 15 Zentimeter dicker Glaswolle. „Die nachhaltigen Technologien werden günstiger, einfacher und platzsparender. Der öffentliche Raum wird weniger versiegelt sein und durch mehr Grün attraktiver werden“, prognostiziert der Architekt. „In Zukunft werden unsere Städte eher schöner.“

Energiespar-Architektur wird das Aussehen unserer Städte verändern. Ob wir nun in Zukunft unter der Erde wohnen oder bei den neuen Bautechnologien gestalterische Fantasie walten lassen – über die Ästhetik des Bauens wird man bestimmt weiterhin streiten.

Die Bundesstiftung Baukultur lädt am 9. Mai um 19 Uhr zur Diskussion „Baukultur im Klimawandel“, Deutsches Architektur Zentrum (Köpenicker Str. 48/49). Anmeldung: mail@bundesstiftung-baukultur.de

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