Kultur : Erfasst, bewertet, ermordet

„Tödliche Medizin“ – eine Ausstellung im Hygienemuseum Dresden

Ulrike Baureithel

Er war einmal ein Exportschlager aus den Werkstätten des Deutschen Hygienemuseums, der in alle Welt ging. Der „gläserne Mensch“, transparent, vermessen und ideal zugerichtet, galt als Ikone künftiger Volksgesundheit. Ein Exemplar erwarb 1935 das Museum of Science in Buffalo. Die Figur kehrte in den späten achtziger Jahren nach Deutschland zurück, weil sich die Museumsleute an ihrem nazistischen Beigeschmack stießen.

Nun führt ein „gläserner Mensch“ in eine Ausstellung ein, die ihrerseits auch Import ist: Zum ersten Mal zeigt das Holocaust Memorial Museum Washington „Tödliche Medizin. Rassenwahn im Nationalsozialismus“ außerhalb der USA. Ausgerechnet in einer Stadt, in der die Rechtsradikalen im Landtag sitzen und in einer „Täterinstitution“, die sich, wie Direktor Klaus Vogel betont, den Nationalsozialisten angedient hatte. Zwar war sie nicht unmittelbar an den Massenmorden in der benachbarten Heil- und Pflegeanstalt Pirna-Sonnenstein beteiligt, doch das Museum stellte die erbbiologische und rassenhygienische Propaganda, auf deren Grundlage der Vernichtungsfeldzug gegen „unwertes Leben“ organisiert wurde.

Wie konnte ein Zivilisationsvolk auf eine Bahn geraten, an deren Ende der mörderische Abgrund stand? Dem Protokoll darf man zuschreiben, dass an der Seite von Ministerpräsident Milbradt und US-Botschafter William Timken der deutsche Innenminister als Festredner fungierte – doch dass Wolfgang Schäuble den Eröffnungspart sichtlich bewegt absolvierte, muss auf den Eindruck zurückgehen, den die Ausstellung hinterlässt.

Sie ist spröde, fast sperrig, der „gläserne Mensch“ Motto und Menetekel in einem. In der abgedunkelten, 900 Quadratmeter großen Ausstellungsarchitektur, die die Ausweglosigkeit der in den Tod getriebenen Menschen nachempfindet, ersteht eine Welt hinter Glas, in der Hygiene und Sterilität zum Alltag gehören. Kaum ein Exponat, das nicht hinter Glas verschwindet. Die museumstechnische Schutzmaßnahme setzt ins Bild, wie schon in der Weimarer Republik – mit durchaus linkem, sozialreformerischem Eifer – „Patientengut“ nach eugenischen Gesichtspunkten bewertet wurde: Haarfarbenmuster und Augentafeln ermöglichten „rassische“ Zuordnung; Vermessungsgeräte halfen bei der „Arier“-Bestimmung, später schieden Erbgesundheitskarten „wertes“ von „unwertem“ Leben. Eine Flut wissenschaftlicher und populärer Schriften stellte das individuelle Wohl in den Dienst der „Volksgesundheit“ und nobilitierte die „nordische“ Rasse.

Orientierten sich Propaganda und Praxis in den zwanziger Jahren noch an der „Verbesserung“ des Genpools („positive Eugenik“), halfen sie doch, das erbbiologische und rassenhygienische Denken als „wissenschaftliche Tatsache“ im Bewusstsein breiterer Bevölkerungsschichten durchzusetzen. Die eugenische Bewegung war international; das erste Erbgesundheitsgesetz wurde in Dänemark verabschiedet, Sterilisationsprogramme gab es in Schweden, Kanada und den USA.

Doch tödliche Furcht verbreitete der „weiße Kittel“ nur in Deutschland unter denjenigen, die aus dem „Volkskörper“ ausgesondert werden sollten. Zunächst durch die formal-juristisch abgesicherte Zwangssterilisation von „Schwachsinnigen“, Erbkranken, „Zigeunern“ und „Bastarden“, später durch ihre Liquidierung im Rahmen der Kinder-„Euthanasie“ und der T4-Aktion. Die Geschichte der Medizinermorde ist wissenschaftlich gut aufgearbeitet, und bekanntlich konnten die Protagonisten ihre Karrieren nach dem Krieg unbehelligt fortsetzen.

Den Ausstellungsmacherinnen geht es aber, so Kuratorin Susan Bachrach, vor allem um die Opferperspektive, die darzustellen schwieriger wird, je ungezügelter die Mordmaschinerie tobte. Wie kann der Schrecken eingefangen, wie der Schmerz der Kinder, an denen Experimente verübt wurden, vermittelt, wie die Qual des Verhungerns und Verdurstens erfahrbar gemacht werden? Können die Überlebenden, die in Interviews zu Wort kommen, dieses Entsetzen vergegenwärtigen?

Das Holocaust Memorial hat sich für eine sparsame und eher „intellektuelle“ Vermittlung entschieden. Dominierend ist zeitgenössisches Schrift- und Bildmaterial, die übrigen Exponate werden pointiert eingesetzt: Der Teddybär aus dem Lebensbornheim in Wien, ein Gynäkologenstuhl aus Auschwitz, die aus der Asche der Tötungsanstalt Hadamar gekratzten Alltagsgegenstände aus dem Besitz der Opfer, der Schreibtisch, über den Vernichtungsakten gingen, oder eine Anstaltstür, hinter der Patienten für immer verschwanden. Ganz selten unmittelbar Verstörendes wie ein Kurzfilm über eine „Übungsvergasung“ von Psychiatriepatienten, ein Versuchsfeld für die „Endlösung“.

Ob dieses Konzept im Hinblick auf das avisierte junge Schülerpublikum in Dresden aufgeht? Eine Herausforderung für die Lehrenden ist die Ausstellung allemal. Das Bestürzende liegt in der erschreckenden Aktualität der Themen. Wer beim „Kampf um die Geburtenrate“ nicht an Demografiedebatten denkt oder angesichts einer akribischen Statistik über Nahrungsmitteleinsparung durch Patiententötungen nicht an Rationierungskampagnen und Sterbehilfeforderungen, hat nicht verstanden, dass „wir schneller auf der abschüssigen Bahn sind, als wir uns vorstellen können“. So Schäuble bei der Eröffnung. Nicht erwähnt hat er, dass das Unheil damit begann, Menschen planmäßig zu erfassen, zu bewerten und nach „idealen“ Maßstäben zurichten zu wollen.

Bis zum 24. Juni. Der englischsprachige Katalog kostet 29,90 €.

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