Kultur : Erfasst, erniedrigt, ermordet

AUSSTELLUNG

Gerwin Klinger

Gewalt in ihrer bürokratischen Gestalt vollzieht sich an Tischen. An Schreibtischen nimmt sie ihren Ausgang, mit Registern, Stempeln und Bescheiden, an Ess- und Küchentischen wird sie erlitten, wo man mit Bangen die Formulare ausgefüllt, die einen zum Objekt von Verwaltungsverfahren machen. Diese Topographie bürokratischer Gewaltverhältnisse macht sich eine kleine Ausstellung im Haus am Kleistpark zu nutze, die sich mit Rolle der Finanzbehörden bei der wirtschaftlichen Ausplünderung der jüdischen Bevölkerung befasst („ Verfolgung Verwaltung “, bis 1. Juni, Mo – So 10 bis 18 Uhr). Der erste Raum ist bestückt mit historischen Pulten, Schreib- und Konferenztischen. Auf ihnen breiten sich die Dokumente zur Nazifizierung der Finanzverwaltung aus. Reichsfinanzministerium Fritz Reinhardt ideologisierte die Ausbildung der Finanzbeamten, die nun vorzugsweise aus der SA kamen, und konzipierte Gesetze zur Ausplünderung der jüdischen Bevölkerung.

Ein Konferenztisch dokumentiert eine Tagung der NS-Spitzen vom November 1938, mit dabei Eduard Hilgard, Vorstandsmitglied der Allianz AG. Man verhandelt die „Erledigung der Judenfrage als umfangreiches wirtschaftliches Problem“. Ergebnis: Eine „Judenvermögensabgabe“, die als „Sühneleistungen“ für das Attentat auf den deutschen Gesandten Ernst von Rath in Paris deklariert wurde. Der zweite Raum enthält kleine Küchen-, Ess- und Beistelltischen. Sie präsentieren Steuererklärungen, Vermögensaufstellungen, abgehakte Inventarlisten oder die Quittungen, die Taxoren, Möbel-Spediteure und Trödler bei den Finanzämtern einreichten. Dokumente, die Finanzämter als Kassenwarte bei der Verwertung des Besitzes der Erniedrigten zeigen. Egal ob es sich um den Theaterkritiker Alfred Kerr oder eine deportierte Witwe handelt, ihre Verwertung kondensiert sich in Buchhaltungsvorgängen.

Dürre Formulare geben eine Ahnung von dem Leben, das zerstört wurde. 1 alte Nähmaschine, 2 Federkissen, 1 Bügeleisen, 1 Posten Wäsche, 6 Frottiertücher und 4 Nagelkisten: der karge Hausstand der Witwe.

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