Kultur : Erfolgreich auf Schatzsuche

GREGOR SCHMITZ-STEVENS

Seit 1990 widmet sich der Berliner Verein "musica reanimata" der Wiederentdeckung NS-verfolgter Komponisten und ihrer Werke.Ziel ist es, die verdrängte und vergessene Musik wissenschaftlich aufzuarbeiten, für ihre Publikation und Integration in das öffentliche Konzertleben zu sorgen.Das inzwischen 34.Gesprächskonzert zum Thema "Verfolgung und Wiederentdeckung", das in Zusammenarbeit mit dem Konzerthaus und dem DeutschlandRadio Köln nun im Musikclub stattfand, erweiterte den Gesichtskreis; im Mittelpunkt standen diesmal Klavierwerke der "Neuen Jüdischen Schule" in Rußland.Ihr gehörten von 1910 bis 1930 Komponisten an, die dann in der Stalin-Ära unterdrückt und bedrängt wurden.

Über die Hintergründe dieser bislang von der Musikgeschichte kaum berücksichtigten Bewegung informierte die Musikwissenschaftlerin Beate Schröder-Nauenburg.Das Interesse an jüdischer Folklore und liturgischer Musik ließ Anfang des Jahrhunderts in St.Petersburg aus der Studentenklasse von Nikolai Rimsky-Korsakow die "Gesellschaft für jüdische Volksmusik" hervorgehen.1913 hatte sie bereits tausend Mitglieder in sieben russischen Städten.Die Komponisten der "Neuen Jüdischen Schule", wie sich die Gruppe selbst nannte, nahmen Elemente der hier gesammelten und erforschten Musik in ihre eigenen Werke auf: sie suchten zwischen Tradiertem und Neuem ästhetisch zu vermitteln.

Joseph Achron (1886-1943) war einer der berühmtesten Geiger seiner Zeit; Arnold Schönberg zählte ihn in einem Nachruf zu den am meisten unterschätzten Komponisten der Moderne.Den tonmalerischen Miniaturen seiner "Kindersuite" für Klavier liegen Floskeln der jüdischen Bibellesung zugrunde.Jascha Nemtsov spielte die kleinen Stücke ebenso apart wie die "Symphonischen Variationen" über das jüdische Thema "El jiwneh Hagalil" virtuos - ein nicht nur pianistisch beeindruckendes Werk über das bekannte Volkslied "Gott wird Galiläa erbauen".Auch Alexander Krein (1883-1951) verwendete in seiner "Suite dansée" jüdisches Motivmaterial: vom Klezmer über synagogale Gesänge bis zu biblischen Tropen.Es bildet die Grundlage für einen harmonisch extrovertierten, chromatischen Tonsatz, der an Alexander Skrjabin erinnert - eine außergewöhnliche Mischung.Alexander Weprik schließlich (1899-1958) war das jüngste Mitglied der "Neuen Jüdischen Schule".Seine einsätzige 2.Klaviersonate und die "Drei Volkstänze" zeigten ihn als avancierten Tonsetzer, der jüdische Elemente mit moderner Kompositionstechnik paradigmatisch verbindet.Er vermeidet die der jüdischen Musik fremde Dur-Moll-Tonalität und arbeitet mit ausgefeilten Durchführungstechniken und Klangfarben.Es zeugt all dies von einem hochinteressanten Kapitel europäischer Musikgeschichte, für dessen Präsentation man Jascha Nemtsov und Beate Schröder-Nauenburg sehr dankbar sein muß.

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