Kultur : Erfolgreich versagen

Am Vorabend der Präsidentschaftswahl: Ein Rundgang durch die polnische Szene in Berlin

Anja Hennig

Anna verkauft polnische Ehefrauen, per Mausklick. Busenformen, Kleidungsstile, Hausfraueneigenschaften – unter www.annakrenz.net/polishwife lässt sich die Traumpartnerin ganz nach individuellen Vorstellungen zusammenbasteln. Am Ende blickt die Kandidatin dem Bewerber als digitale Anziehpuppe vom Bildschirm entgegen. Eine spätere Hochzeit ist allerdings ausgeschlossen: Die Website ist ein Kunstprojekt. Für einen Mann aus London, lacht die 29-jährige Polin, war dies eine „herbe Enttäuschung“. Er bestand darauf, eine echte Polin bestellt zu haben.

Anna Krenz ist Architekturjournalistin und Künstlerin, ihren Internet-Basar versteht sie als kritischen Kommentar zur Gegenwart. Sie kam vor knapp drei Jahren aus Posen nach Berlin, wo sie mit ihrem Freund Jacek Slaska am U-Bahnhof Schlesisches Tor die Galerie ZERO (Köpenicker Straße 4, Kreuzberg) eröffnete. In dem kleinen Ladenraum hängen derzeit kleinteilige Schwarzweiß-Collagen aus Fotos und Zeichnungen. Schwul anmutende Motive und Zigarettenkippen sind zu erkennen. Zigaretten, „Papierosy“, heißt auch die Ausstellung der Warschauer Künstlergruppe „szuszu“. „Schwulsein ist in Polen immer noch ein großes Problem“, sagt Slaska. „Einer der Künstler hat sich geoutet, wir wollten ihm in Berlin ein Forum geben.“ Geld zu verdienen ist damit nicht, der Galeriebetrieb sei „purer Luxus“. Slaska war 9 Jahre alt, als seine Mutter 1985 mit ihm aus Danzig nach Berlin zog. Seinen Lebensunterhalt verdient er als Radiojournalist, seine Mission ist es, die polnische Offkultur in Berlin „sichtbarer zu machen“.

Eine rothaarige Dame rauscht herein: Eva-Maria Slaska, Jaceks Mutter. Sie schreibt seit über 30 Jahren Bücher, 1993 gründete sie den polnischen Schriftstellerverein WIR mit gleichnamigem Verlag in Berlin. Damals, erinnert sie sich, seien es härtere Zeiten gewesen: Polen wurden vor allem mit „Polenmärkten“ assoziiert, die Stimmung, die ihnen in Berlin entgegenschlug, sei „unangenehm“ gewesen. „Die heutige Offenheit ist ein Wunder“, sagt Slaska. „Wir“ heißt auf polnisch Wirbel, und der Verlag versucht tatsächlich, Wirbel auszulösen. Gedruckt werden zweisprachige Anthologien polnischer und deutscher Autoren.

Dass sie außerdem einen polnischen Literatursalon betreibt, verschweigt die Schriftstellerin. Um dies zu erfahren, muss man Dr. Piotr Olszowka fragen. Oder Wiktor Winogradski, was ein und dieselbe Person ist. Während der Philosoph und Kunsthistoriker Dr. Olszowka tagsüber Ausstellungen kuratiert oder im Landgericht sitzt, um Verhandlungen mit polnischen Schwarzarbeitern zu übersetzen, schreibt Winogradski absurd-avantgardistische Texte mit Titeln wie „der antidigitale Beweis“ oder „Adolf und Ewa“. Er wechselt dabei, ein echter Kosmopolit, zwischen der deutschen und der polnischen Sprache. Seine Auftritte sind Happenings, bei denen er die Texte zu Jazzrhythmen deklamiert.

Ein Rundgang durch Berlin-Mitte, die Torstraße entlang, vorbei am Kaffee Burger, vorbei an Pigasus, der Galerie für polnische Plakatkunst. Vor dem Haus Nummer 66 verkündet eine Aufschrift auf dem weiß getünchten Schaufenster einen „Tag der deutsch-polnischen Einheit“. Im „Club der polnischen Versager“ tritt Winogradski regelmäßig mit dem Crossover-Punk-Trio Don’t Shelest auf. Saxofonist Adam Gusowski ist Mitbegründer der Kneipen-Institution. Vor vier Jahren entstanden, haben die „Versager“ es schnell in alle deutschen Feuilletons geschafft. Doch das Interesse sei „oberflächlich“ gewesen, meint Gusowski. „Es interessierte vor allem der Name und weniger unser Programm.“

In Berlin leben offiziell rund 36000 Polen. Damit sind sie nach der türkischen Community die zweitgrößte Minderheit in der Stadt. Viele kamen bereits in den Siebziger- und Achtzigerjahren aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen. Lange Zeit galten die Polen als unsichtbar, weil sie sich angepasst hatten. Der EU-Beitritt Polens im Mai letzten Jahres brachte einen Stimmungswandel. „Die Polen sind selbstbewusster geworden, die Deutschen entspannter“, sagt Gusowski. Als „Europäer“ traue man sich plötzlich, von Schwarzarbeit zu sprechen, „von Kumpels, die hier zeitweise jobben“. Als Beitrag zum „Deutsch-Polnischen Jahr“ hat der Club „Das deutsche Jahr der polnischen Versager“ ausgeschrieben: Auch deutsche Versager dürfen nun auf die Bühne. Aber was genau ist ein Versager?

Auf der Suche nach einer Antwort begibt man sich am besten in das „Wurstmenschen-Café“ in der Choriner Straße 81 (Prenzlauer Berg). Leszek Herman Oswiecimski erläutert bei polnischem Bier an einem der dunklen Tische seine Philosophie. Der studierte Polonist lebt seit den Achtzigerjahren in Berlin, er montierte Waschmaschinen bei Siemens, begann zu schreiben, gründete mit Gusowski die Zeitschrift „Kolano“ (das Knie) und dann den Versager-Club. Seit der Trennung vor einem Jahr betreibt er seinen Wurstmenschen-Club. Ein Versager, erläutert Oswiecimski, ist „jemand, der sich an die Bedingungen der Welt anpasst und nicht seiner Berufung folgt“. Wer sich aber genau dazu – zu seinem Versagen – bekenne, „befreit sich vom äußeren Druck und eröffnet sich neue Möglichkeiten“. Eine etwas komplizierte Theorie, die man am besten versteht, wenn man dazu einen Teller Piroggen isst. Drei Sorten sind im Angebot: mit Fleisch, mit Kraut und mit Kartoffel-Quark-Füllung.

Informationen zur polnischen Szene in Berlin unter www.annakrenz.net/polishwife, www.wir-edition.de, www.piotrolszowka.de, www.pigasus-gallery.de, www.polnischeversager.de, www.wurstmenschen.de. Aufschlussreich auch das im Rahmen des deutsch-polnischen Jahres eingerichtete Berliner Künstlerradio www.radio-copernicus.de.

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