• Erforschung der Kampfzone - Auli Mantila schildert Beklemmung, die man fast körperlich spürt

Kultur : Erforschung der Kampfzone - Auli Mantila schildert Beklemmung, die man fast körperlich spürt

Daniela Sannwald

Der Fahrlehrer ist mittelalt, halb kahl und anzüglich. Die Fahrschülerin ist jung, hübsch und ängstlich. Er legt in künstlich legerer Pose seinen Arm über den Fahrersitz, streift dabei wie zufällig die Schulter der jungen Frau und erklärt ihr das Prüfungs-Procedere: Ob sie ihren Führerschein erhalte oder nicht, hänge einzig und allein von ihm ab. Dann mustert er sie von oben bis unten und schweigt vielsagend... Die Situation ist traumatisch und gleichwohl alltäglich, und Auli Mantila versteht es in ihrem zweiten Spielfilm "Geographie der Angst", eine ganze Reihe solcher Situationen eindringlich zu schildern, so eindringlich, dass man die Beklemmung fast körperlich spürt.

Der Film konzentriert sich zunächst auf die gestandene Gerichtszahnärztin Oili, die anonyme Tote anhand ihrer Gebisse identifiziert. Zusammen mit ihrem Lebensgefährten, dem Polizisten Eero, versucht sie den Mord an einer männlichen Wasserleiche aufzuklären. Oili ist rational und präzise, distanziert und professionell. Sie pendelt zwischen Seziertisch und schickem Appartement in Helsinki; ihr Leben ist geregelt und bequem. Einziger Störfaktor: ihre jüngere Schwester Laura, die depressiv und - in Oilis Augen - missraten ist. Als Laura Oili eines Abends ihren Freundinnen vorstellt, sieht Oili sich einer Gruppe selbstbewusster Frauen gegenüber, die sie wegen ihrer Gefühllosigkeit hart kritisieren. Oili bleibt unbeeindruckt, bis Laura eines Abends in einem Park überfallen und schwer verletzt wird. Danach sieht sich Oili immer öfter mit Lauras Freundinnen konfrontiert und stellt fest, dass sie es mit einer militanten Frauengruppe zu tun hat, die auf ihre eigene Weise versucht, männliche Gewalttäter in ihre Schranken zu weisen. Und auch Oilis ungelöster Fall, die Wasserleiche, scheint auf das Konto dieser Frauen zu gehen...

Wie schon in ihrem ersten Spielfilm "Die Nacht des Schmetterlings" (1997) beschäftigt sich Auli Mantila auch in "Geographie der Angst" wieder mit einer Schwesternbeziehung, und wieder ist es eine von der großen vernachlässigte kleine Schwester, die um sich schlägt, weil sie sich nicht anders zu helfen weiß.

Das Mittel der körperlichen Gewalt bleibt bei der finnischen Regisseurin nicht Männern vorbehalten; ihre chaotischen, wilden Frauenfiguren kidnappen, erniedrigen und schlagen ihre Opfer - mit einem gewissen Recht, so implizieren Mantilas Filme, denn sie geben nur zurück, was sie am eigenen Leib erfahren haben, und weil niemand sonst für sie eintritt.

"Geographie der Angst" - der Titel bezieht sich auf einen Plan, der die Großstadt in für Frauen sichere und unsichere Gebiete einteilt - ist auf den ersten Blick ein unzeitgemäßer Film, weil er ein Problem aufgreift, das Filmemacherinnen der siebziger Jahre bereits beschäftigt hat - das aber, auch in sogenannten postfeministischen Zeiten, nicht gelöst ist. Und mit ihrem kühlen, distanzierten Realismus sorgt Auli Mantila dafür, dass ihre Filme den gut gemeinten, mitunter dilettantischen Manifesten der Siebziger ästhetisch weit überlegen sind.Heute 15.30 Uhr (CinemaxX3), 22.15 Uhr (Delphi); morgen, 14 Uhr (CineStar 8); 15.2. 22.15 Uhr (Arsenal); 16.2., 19 Uhr (Babylon)

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