Kultur : Erfüllt der Potsdamer Platz Ihre Erwartungen?

Herr Piano[Ihre Arbeiten werden in einem Wahrzeic]

Die Berliner Nationalgalerie eröffnet am 31. Mai eine Werkübersicht des Architekten und Träger des Pritzker Preises

Renzo Piano, 1937 in Genua geboren, studierte Architektur in Mailand. Anfangs Zusammenarbeit mit Richard Rogers (Centre Pompidou, Paris, begonnen 1971). Seit Anfang der achtziger Jahre "Renzo Piano Building Workshop" in Genua und Paris. Zu dessen weltweiten Projekten zählen Museen in Houston (1982) und Basel (1993), der Flughafen in Kansai / Japan (1988), das Kulturzentrum in Neukaledonien (1993) und das debis-Gelände am Potsdamer Platz von Berlin (Masterplan und Einzelbauten, ab 1992). 1998 erhielt Piano den Pritzker Preis, den "Nobelpreis für Architektur". - Am Mittwochabend wird eine Werkübersicht von Piano in der Berliner Nationalgalerie eröffnet.

Herr Piano, Ihre Arbeiten werden in einem Wahrzeichen der Architektur des 20. Jahrhunderts gezeigt, der Neuen Nationalgalerie von Mies van der Rohe. Dieser Bau ist zum einen ein Tempel, zum anderen verkörpert er das Streben der Moderne nach Transparenz. Wie sehen Sie ihr Werk in diesem Bau?

Das Angebot, hier eine Ausstellung zu präsentieren, hat mich sehr berührt. Als ich ein junger Architekt war, bin ich des öfteren nach Berlin gekommen und jedes Mal zur Nationalgalerie gegangen. Für mich war dieses Gebäude die Verwirklichung einer Utopie - die der Flexibilität, eines reinen Schutzdaches, unter dem man tun kann, was einem gefällt. Das ist natürlich das vollkommene Gegenteil der Idee eines Tempels, es ist dies vielmehr einfach ein Schutzschirm. Wenn ich nun nach mehr als 30 Jahren an diesen Ort zurückkehre, so empfinde ich diesen wunderbaren Zauber, dieses Gefühl von Perfektion und Proportion. Und insofern handelt es sich hier nicht nur um eine Ausstellung, sondern mein ganzes Werk ist von den Anregungen befruchtet worden, die ich von diesem Gebäude empfangen habe.

Ihre Ausstellung ist zuvor bereits im Pariser Centre Pompidou gezeigt worden.

Ja, aber sie ist von Anfang an für Berlin und für diesen Raum erdacht worden. Paris war mehr eine Generalprobe. Wir haben uns sämtliche Vorzeichnungen für die Nationalgalerie angeschaut, und wir entdeckten, dass die allererste Ausstellung, die Mies selbst entworfen hat, von der Decke abgehängt angebrachte Bilder vorsah. Genauso haben wir es jetzt auch gemacht: Die Tische mit den Modellen, Zeichnungen und Fotografien, sind an der Decke schwebend angebracht. Nichts berührt den Fußboden. Natürlich ist eine solche Ausstellung die Profanierung des griechischen Tempels, aber ich finde das in Ordnung. Als wir - Richard Rogers und ich - 1971 beim Bau des Centre Pompidou die Gemälde genauso an der Decke befestigen wollten, erklärten uns die Kuratoren für verrückt: Man dürfe doch nicht die Füße der Besucher auf der anderen Seite des Bildes sieht!

Wenn Sie durch die großen Glasscheiben hinaussehen, ehen Sie eines ihrer größten städtebaulichen Projekte: das debis-Areal. Wie denken Sie heute darüber? Erfüllt der Potsdamer Platz ihre Erwartungen?

Wenn Sie jemals etwas erreicht haben, was genau ihre Erwartung erfüllt, sollten Sie sofort aufhören! Architektur ist niemals wirklich vollendet und perfekt. Ich denke, es war eine sehr gute Idee, verschiedene architektonische Erfahrungen miteinander zu mischen, denn das entspricht genau dem Wesen der Stadt, und eine Stadt ist niemals perfekt. Die Stadt handelt immer von Verschiedenartigkeit und Entwicklung, und das muss man einfach akzeptieren.

Aber Sie mussten Verschiedenartigkeit auf dem Reißbrett entwerfen, weil es an dieser Stelle der Stadt überhaupt nichts mehr gab.

Genau das machte diesen Auftrag so schwierig. Wir haben einen historischen Grundriss auf einer Wüste geplant. Die einzigen Überbleibsel, die wir vorfanden, waren - wie Sie wissen - die Bäume entlang der Alten Potsdamer Straße und da Weinhaus Huth - und die Rückseite der Staatsbibliothek von Scharoun, die er bekanntlich so abweisend geplant hatte, weil dort eine Stadtautobahn vorgesehen war! Was wir als Hilfe hatten, waren die historischen Bezüge.

Fühlten Sie sich nicht durch die Vorgaben des Senats eingeengt?

Für jede Planung muss es ein gewisses Maß an vorgegebener Ordnung geben. Ich glaube, das Gesamtprojekt braucht einfach noch einige Zeit, vor allen Dingen muss erst einmal der Regionalbahnhof fertig gestellt sein. Ich sähe es sehr gerne, wenn die Staatsbibliothek auch vom Marlene-Dietrich-Platz her zugänglich wäre.

Viele Beobachter schwärmen von dem Marlene-Dietrich-Platz als einer "italienischen Piazza". War das Ihre Absicht?

Ja, ja, und viele Kritiker haben gesagt, dass die Terrakotta-Fassaden so mediterran seien. Aber das stimmt nicht, sie sind ganz einfach europäisch. Ein Marktplatz, ein Treffpunkt für die Öffentlichkeit ist nicht speziell italienisch, er ist europäisch. Es ist die europäische Tradition, nicht etwa die Unterschiede einzuebnen und alles gleich zu machen, sondern von allem das Beste auszusuchen und miteinander zu verbinden.

Ist der Potsdamer Platz "richtiges" Berlin?

Viele Kritiker haben eingewendet, dass das Gelände am Potsdamer Platz nicht Berlin sei, denn Berlin sei eine Stadt des Steins. Ist denn die steinerne Stadt eine Stadt der Traurigkeit? Berlin ist eine sehr lebendige und aktive Stadt, aber doch nicht eine Stadt der Selbstverleugnung. Das alte Berlin, das immer angesprochen wird, war in den dreißiger Jahren zu Ende, dann kam der Krieg, und danach hat sich Berlin in zwei vollkommen unterschiedliche Richtungen entwickelt, im Westen und im Osten.

Was bedeutet die Erinnerung an die urbane Vergangenheit?

Man muss sehr aufpassen, um nicht allzu nostalgisch zu werden oder auf der anderen Seite zu vergesslich. Das Verschwinden der Mauer ist bezeichnend. Der Wunsch zu vergessen, ist typisch für Berlin - zumindest am Morgen; am Nachmittag wird die Stadt dann nostalgisch. Man vergisst die Tragödie der Vergangenheit und ersetzt sie gelegentlich durch Nostalgie. Dann werde ich gefragt, wird der Potsdamer Platz wieder so sein wie früher? Natürlich wird er das nicht! Berlin ist nicht mehr das Berlin der dreißiger Jahre, das Bürgertum ist nicht mehr dasselbe wie früher, Berlin ist heute die am stärksten multi-ethnische Stadt in ganz Europa und ist von sprudelnder Energie erfüllt. Die Stadt hat sich vollkommen verändert - das ist die wahre Herausforderung! Als Architekt habe ich zwei Möglichkeiten. Wenn ich sehr weise bin, sage ich, dass Städte sich über Jahrhunderte hinweg entwickelt haben und lasse die Finger von einem solchen Projekt. Wenn ich aber wagemutig bin, springe ich ins kalte Wasser und mache es, wohl wissend, dass nichts im Leben perfekt wird.

Neben den lokalen Mythen gibt es den allumfassenden Trend der Globalisierung. Sie sind ein weltweit tätiger Architekt und haben auf allen Kontinenten gebaut. Wie wirkt sich die Globalisierung auf Ihre Arbeit aus?

Architektur zwei Dimensionen, eine lokale und eine universelle. Der jeweilige Ort gibt mir vor, wie ich damit umzugehen habe, weil jede Tradition so tief verwurzelt ist. Auf der anderen Seite bedeutet die universelle Gültigkeit von Architektur, dass beispielsweise der Entwurf eines Flughafens weltweit ähnlich ist, und auch ein Hochhaus in Sydney zu bauen, wie ich es zurzeit tue, unterscheidet sich nicht grundsätzlich vom Bau eines Hochhauses an einem anderen Ort. Was die Globalisierung betrifft, so haben wir ohnehin keine Wahl, wir sind elektronisch mit der ganzen Welt vernetzt. Aber es bleibt doch immer der spezifische Ort und die Notwendigkeit, ein Gefühl für diesen Ort zu entwickeln. Auf der anderen Seite geht es immer um die universelle Aufgabe, einen Schutz, eine Behausung zu errichten. Wenn man diese beiden Momente im Auge behält, entgeht man der Gefahr, Unterschiede einzuebnen.

Erkennt man aber nicht auf der ganzen Welt einen Entwurf von Renzo Piano?

Wenn es einen roten Faden in meiner gesamten Arbeit gibt, dann ist es der Widerstand gegen die Versuchung, überall nach demselben Prinzip zu arbeiten. Es gehört zur Tragik meines Berufes, dass, sobald man "berühmt" wird, Aufraggeber von überall her dieselben Gebäude haben wollen. Das mag für den Augenblick leichter fallen, aber dann sitzt man schon in der Falle. Architektur handelt von Erfindung und Neuerung. Die Herausforderung besteht immer wieder darin, ins kalte Wasser zu springen und zu schwimmen - und wenn man das tut, vergisst man die Frage einer Handschrift, die man überall hinterläßt.

Was bedeutet die Tradition der Moderne für Ihre Arbeit?

Ich glaube, dass das "Bauhaus" die letzte bedeutende Bewegung der Architekturgeschichte darstellt. Das "Bauhaus" hat die enge Verbindung von Kunst, Wissenschaft, Architektur und Soziologie gesucht. Ich liebe den Gedanken, die Grenzen zwischen den Disziplinen einzureißen, einfach weil sie nicht wirklich existieren. Ich liebe das Durcheinander von Kunst, Musik, Wissenschaft, das sich innerhalb der Architektur abspielt. Ansonsten erstarrt man im Akademismus. Um noch einmal auf den Potsdamer Platz zurückzukommen: Stadt besteht aus Überraschungen. Sie ist unvorhersehbar. Das Gespräch führte Bernhard Schulz.

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