Kultur : Ergänzungsverhältnis

Der Cunctator und der Dezisionist: Gunter Hofmanns Doppelporträt der beiden Kanzler Willy Brandt und Helmut Schmidt.

Hannes Schwenger

Von wegen Hanseaten! Wenn der Lübecker Willy Brandt und der Hamburger Helmut Schmidt unter Genossen übereinander sprachen, war von hanseatischer Zurückhaltung oft wenig zu spüren. „Schmidt und Wehner sind Arschlöcher“, machte sich Willy Brandt 1969 bei Horst Ehmke Luft, und dass er seinerseits Willy Brandt „vielleicht“ einen „Scheißkerl“ genannt habe, räumte Schmidt 1999 ein. Auf der Bilderberg-Konferenz 1969 soll er Brandt nach einem Bericht des „Stern“ ärgerlich als „Scheißdemokrat, der immer erst andere fragen muss, bevor er sich entscheidet“ bezeichnet haben. In dieser Wortverbindung will er das nicht gesagt haben, aber das andere Kraftwort könne damals schon gefallen sein. Nicht umsonst hatte er sich im Bundestag früh den Spitznamen „Schmidt-Schnauze“ erworben.

Aber wir in Berlin wissen, dass sich Herz und Schnauze nicht ausschließen. Schließlich war es derselbe Helmut Schmidt, der Brandt 1965 in einem sehr persönlichen Brief „tiefer Freundschaft und zugleich großen Respekts“ versicherte und dies trotz mancher Differenzen zu Brandts 75. Geburtstag 1988 wiederholte. Nach seinem letzten Besuch am Sterbebett Brandts ließ er wissen, sie seien auch als Freunde geschieden. Gunter Hofmann sprich in seinem vorliegenden Doppelporträt der beiden sozialdemokratischen Kanzler etwas gedämpfter von einer „schwierigen Freundschaft“, denn als Freunde habe Willy Brandt nur seine engsten Weggefährten Ehmke, Bahr und Koschnick bezeichnet. Ein frühes Freundschaftsangebot Schmidts ließ er 1959 unerwidert – „er wollte es nicht“, erinnert sich auch Helmut Schmidt. Aber für „einen ganzen Kerl“ hielt er ihn schon nach dessen Bewährungsprobe als Innensenator bei der großen Hamburger Sturmflut 1962. Damals gab es bereits Überlegungen, Schmidt bei einem Wahlsieg Brandts in Bonn als dessen Nachfolger nach Berlin zu holen; als Kanzler ist er ihm dann 1974 gefolgt. „Der Helmut muss das machen“, soll Brandt nach seinem Rücktritt befunden haben, während er noch ein Jahr zuvor einen Rat, den unbotmäßigen Wehner zu entlassen, mit der besorgten Bemerkung kommentiert hatte: „dann kommt Schmidt“. Der kam und blieb länger im Amt als er selbst.

Gunter Hofmann hat also sicher recht mit seinem Wort von der „schwierigen Freundschaft“, aber noch genauer traf es wohl Horst Eberhard Richter mit deren Charakteristik als ein „Ergänzungsverhältnis“ der beiden Kanzler, des „strategischen Rechners“ Schmidt und des „Politikers der compassion“ Brandt. Das sei, schreibt Hofmann, „ein schönes Wort, das einleuchtet“. Es beleuchtet einen langen Weg, auf dem es weder an Gegensätzen noch an Gemeinsamkeiten fehlte, bis Brandt selbst – im Verhältnis der beiden sonst der Reserviertere – zu Schmidts 60. Geburtstag 1978 einen Strich darunter zog: Sie seien nicht immer einer Meinung gewesen, aber „viel mehr zählt, dass wir über die Jahre hinweg für eine gemeinsame Sache gearbeitet haben. Und so soll es bleiben!“

Dabei ging es zwischen ihnen nie nur um Meinungsverschiedenheiten, sondern auch um verschiedene Temperamente und Grundhaltungen. Brandt, erinnert Gunter Hofmann, galt im Allgemeinen als Cunctator, als Zauderer (daher Schmidts Vorwurf mangelnder Führung), Schmidt dagegen als Dezisionist, als entschlossener Entscheider. Und doch war es Willy Brandt, der 1969 kurzentschlossen das Wagnis seiner Kanzlerschaft mit der hauchdünnen Mehrheit einer kleinen Koalition einging – gegen die Bedenken von Herbert Wehner und Helmut Schmidt, der „nur missmutig“ geraunzt habe: ,Wenn Du’s machen willst, dann mach’s doch!’“ Im Fall der Entführung von Peter Lorenz in Berlin warf sich Schmidt dagegen selber Führungsschwäche vor, weil er unter dem Druck von CDU und FDP dem erpressten Gefangenenaustausch zugestimmt hatte. Das habe er, vermutet Gunter Hofmann, dann mit seiner Unnachgiebigkeit in Mogadischu kompensiert. Für seine Entschlossenheit während der Schleyer-Entführung sei er zwar weltweit gelobt worden, aber da die Tragödie ihren Lauf nahm und Schleyer letztlich geopfert wurde: „Ein ,Sieg’ sieht anders aus.“

Beide, Willy Brandt und Helmut Schmidt, haben als Kanzler Siege und Niederlagen erlebt, und manche sehen nachträglich anders aus als im Moment der Entscheidung. Das gilt besonders für die Entscheidung, die für einige Jahre den tiefsten Graben zwischen ihnen zog: Schmidts Festhalten am Nato-Doppelbeschluss, mit dem er sich zwar als Kanzler durchsetzte, aber in seiner Partei isolierte und am Ende auch von Brandt verraten fühlte, weil der sich im Bonner Hofgarten 1983 an die Seite der Friedensbewegung stellte. Bei der Abstimmung auf dem SPD-Parteitag im November 1983 fanden sich für Schmidts Position nur 13 Stimmen, und „als Brandt und Schmidt sich nicht ansehen mochten, konnte man für einen Augenblick meinen, sie hätten beide verloren“.

Als der Doppelbeschluss fünf Jahre später durch den INF-Vertrag zur Abrüstung nuklearer Interkontinentalraketen zum Erfolg führte, fand sich Schmidt – in seinen Erinnerungen 1996 heißt es „glänzend“ – gerechtfertigt. Brandt wollte da in seinen Erinnerungen nichts mehr von einem Gegensatz in der Raketenfrage wissen. Doch da widerspricht ihm selbst sein Freund Bahr: Brandt habe bei seiner Retusche wohl an die Geschichtsbücher gedacht und gefürchtet, dass am Ende nicht ihre gemeinsame Leistung, sondern nur das große Zerwürfnis gesehen würde. Darum muss man sich, auch nach Hofmanns Buch, keine Sorgen mehr machen.





– Gunter Hofmann:
Willy Brandt und Helmut Schmidt. Geschichte einer schwierigen Freundschaft. C.H. Beck Verlag, München 2012. 336 Seiten, 21,95 Euro.

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