Kultur : Ergraute Avantgarde von Giacometti bis Dix in der Berliner Galerie Nothelfer

Katrin Bettina Müller

Uhlandstraße 184, bis 16. Oktober; Dienstag bis Freitag 14-18.30 Uhr. Katalog der Sammlung Klewan 150 Mark in der GalerieKatrin Bettina Müller

Meine Güte, wie schön können alte Männer sein. Dieser seltene Gedanke blitzt auf beim Besuch der Künstlerporträts in der Galerie Nothelfer. Alberto Giacometti, Jean Arp, George Braque, Otto Dix: Als der österreichische Bildreporter Franz Hubmann die Pioniere der Moderne in den fünfziger Jahren besuchte, waren ihre Haare meist schon weiß geworden.

Oft kam er unangemeldet, nur die österreichische "Zeitschrift für das moderne Leben - "magnum" - als Visitenkarte unter dem Arm. Und manchmal liess er nicht locker, bis das Feuer des Aufbruchs wieder in den zerfurchten Gesichtern glomm. Das kann man besonders an einer Serie über Otto Dix verfolgen, den Hubmann 1958 am Bodensee besuchte. Unwirsch und bekümmert steht Dix hinter Stühlen und Requisiten in seinem Atelier, mag so recht nicht in den Vordergrund treten, bis er das Jackett mit dem Malkittel vertauscht, die Palette zur Hand nimmt und sich streng wie auf seinen Selbstbildnissen aufbaut: Da ist er wieder der bittere Skeptiker der frühen Jahre.

Hubmann, der viel für die Fremdenverkehrswerbung arbeitete, hat die Künstler bei günstigen Gelegenheiten aufgenommen. Dennoch entwickelt er in den rund fünfzig ausgestellten Porträts den Typus eines Künstlerbildes, den er auch bei späteren Treffen nicht verläßt. Er charakterisiert sie nicht als exotische Randexistenzen, sondern als unabhängige Persönlichkeiten, die eine eigene Welt in sich tragen. Mehr als heute diente das Künstlerporträt in den fünfziger Jahren als Vermittler zwischen abstrakten Kunstformen und einem Publikum, das Kunst aus der Persönlichkeit des Autors heraus verstehen wollte.

Alfred Kubin erzählt, zeigt, hört zu, Germaine Richier verfolgt die Haltung ihrer Skulpturen: So oft sind sie dem Fotografen aktiv zugewandt, dass man eingenommen wird von ihrer Erfahrung und Mitteilsamkeit. Der hagere Jean Fautrier, der rauchend zwischen seinen informellen Bildern auf und ab geht, hält einmal abwehrend die Hand hoch. Zur Überraschung des Fotografen redete er plötzlich deutsch: "Um Gottes willen, hören Sie auf, das ist ja ein Maschinengewehr." (Jede Fotografie 3300 Mark)Galerie Georg Nothelfer, Uhlandstraße 184, bis 16. Oktober; Dienstag bis Freitag 14-18.30 Uhr. Katalog der Sammlung Klewan 150 Mark in der Galerie.
© 1999

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