Kultur : Ergriffen bei Windstärke Neun

CAROLINE FETSCHER

Der Oberkantor der jüdischen Gemeinde, Estrongo Nachama, singt im Berliner DomVON CAROLINE FETSCHERIn Hamburg führt eine einzigartige Brücke über die Elbe.Die Köhlbrandbrücke ist ein modernes, dynamisch flexibles Meisterwerk der Ingenieurskunst.Was kein Statiker ahnte, ehe sie von Ufer zu Ufer gespannt war: bei Windstärke Neun hört die Brücke auf zu schwingen, und steht vollkommen still, wie erstarrt.Nur bei Windstärke Neun. Berlin baut an einer Brücke, die manchmal ähnlich zu reagieren scheint: Die Brücke zwischen den Juden und den Christen in der Stadt.Mit zur Brücke gehören Konzerte, wie das am Sonntagnachmittag im Berliner Dom.Hier sang der Oberkantor der jüdischen Gemeinde, Estrongo Nachama, vor ausverkauftem christlichem Gotteshaus, begleitet vom christlichen "Shalom-Chor Berlin" chassidische und synagogale Stücke. Unvorstellbar weit ist der Weg, den der 1918 in Saloniki geborene Nachama zwischen dem Kriegsende und diesem Konzert zurückgelegt hat - und mit ihm die Stadt.Als "Sänger von Auschwitz" war Nachama bezeichnet worden, und an dem Ort, wo man ihn so nannte, verlor er seine ganze Familie.In Berlin wollte der Grieche nach seiner Befreiung eigentlich nicht leben, doch die jüdische Gemeinde überredete ihn, Kantor zu werden, und er blieb. Bar Mizwas, Schabbat-Feiern, Beerdigungen, überall säte seine Stimme Gärten aus Noten.Nachamas Bariton-Timbre wurde so berühmt, daß der Kunstdienst der evangelischen Kirche wollte, daß auch Christen ihn hören könnten, und zwar in einem protestantischen Gotteshaus."Estrongo Nachama war gleich bereit", erinnert Jürgen Brennert vom Kunstdienst, "aber", sagt er "innerkirchlich mußten wir dafür erst Verständnis wecken." Dann, vergangenen April, erklang Nachamas Stimme zum ersten Mal im Berliner Dom, achthundert Zuhörer waren gekommen.Vorgestern waren es fast doppelt soviele.Juden mit Kipa, Bethel-Diakonissinnen mit steifen, weißen Häubchen, Jugendliche in Jeans und Mittelstands-Christen in Sonntagskleidern besetzten schon eine Stunde vor Konzertbeginn die Plätze."Ihr mehr als zahlreiches Erscheinen hat etwas Sensationalles", begrüßt Jürgen Brennert die Gäste."Es beweist die durch nichts zu tötende Sehnsucht der Seele nach kräftiger Beköstigung." Über den Köpfen dehnt sich die pompöse Kuppel des Baus, die Absiden flankiert von gipsfarbenen Statuen der Kirchenmäner Luther, Zwingli und Calvin. Estrongo Nachamas etwas gealterte, immer noch außergewöhnlich kraftvolle Stimme singt "Lo Amut Ki Echje" - ich sterbe nicht, sondern ich lebe.Dann herrscht Windstärke Neun.Nichts schwingt.Der Chor, nüchtern und protestantisch, in nahezu gläsern ängstlicher Polyphonie, nimmt die Strophen auf - und ist der Emotion, dem Schwung, der Tiefe der Verse wie der Stimme Nachamas nicht gewachsen.Nicht menschlich, noch musikalisch, noch politisch.Könnte das anders sein? Kaum.Ein deutscher, evangelischer Kammerchor, der sich der chassidischen Lebensfreude bemächtigen würde, und der mit dem nahezu tanzend singenden Nachama Schritt halten würde, wäre nicht geheuer, er wäre eine raffinierte Folkloregruppe. So hilft also alles nichts, auch nicht, daß der Kantor, der mit Leib und Geist und Seele singt, aus lauter musikalischer Ungeduld in Richtung Chor dirigierende Gesten macht, ganz reizend, kein Gran Machtmensch.Aber der Riss zwischen den beiden Kulturen bleibt, wie das historische Schisma. Am Schluß - "O Jibane, Hamikdasch", der Tempel möge erbaut werden, heißt der letzte, mitreißend traurigfröhliche Gesang - animiert Nachama das Publikum zu rhythmischen Indiehändeklatschen.Sekundenlang löst sich die angespannte Stimmung.Gleich darauf muß der Kantor das Geschehen mit sachter Geste dämpfen, es näherte sich schunkelnder Rhythmik, und drohte Chor wie Solist zu übertönen. Zwischen ehrfürchtigem, schamhaften Erstarren, zwischen Mitsinglust und Zuhörfreude war aber alles richtig, auch, weil es zeigt, daß noch nichts richtig sein kann bei so einem Ereignis.Der Oberkantor heißt am Ende alle aufstehen, er spricht auf Deutsch einen Segen.Dann strömt die Versammlung aus den Portalen in einen hellen Berliner Nachmittag, 1998.Die Diakonisinnen steigen zu viert in kleine Autos, ungeahnt sportlich."Ergreifend", sagen sie, wenn man sie fragt, wie sie es fanden.Und so war es.

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