Kultur : Erhabene Kreise

BERNHARD SCHULZ

Gute Bekannte im Ausstellungsbetrieb sind die kreisförmig geordneten Steine, die Richard Long auf dem Boden auslegt.Der 1945 in Bristol geborene Brite zählt zu den etablierten Größen; und doch ist sein µuvre nur bruchstückhaft bekannt.

Das liegt in erster Linie an der Ausdehnung seiner Arbeiten; und zum zweiten daran, daß der Künstler sie selbst aufzubauen pflegt, wenn sie auf Reisen gehen.Im Kunstverein Hannover, der sich unter der Leitung von Eckhard Schneider zu einer ersten Adresse der Gegenwartskunst entwickelt hat, ist nun eine größere Übersicht von Arbeiten Longs zu sehen.Sie macht den stringenten Zusammenhang deutlich, der das Gesamtwerk umschließt.Richard Long zählt im weitesten Sinne zur land art; insofern, als er die Landschaft als sein Material auffaßt, das er sich wandernd erschließt und dem er den Rohstoff seiner Skulpturen entnimmt.Die Steine oder auch die Äste, die er vom Boden aufliest und im musealen Umraum zu in der Regel kreisförmigen Skulpturen ordnet, stehen aber nicht alleine.Sie sind autonome Kunstwerke; andererseits Dokumente der ausgedehnten Wege, auf denen Long sich die Landschaft erobert, der er in den typischen Gesteinsarten zu konzentriertem Ausdruck verhilft.

Zugleich benutzt Long die Kamera, um seine Wanderungen festzuhalten.Ganz selten nur sind Menschen auf seinen Aufnahmen zu sehen; Long bewegt sich abseits ausgetretener Pfade.Nicht allein, daß er sich gern exotische Länder aussucht; auch in heimatlichen und tourismusgesättigten Gefilden sucht er eigene Wege, auf denen er einer noch unberührten Natur begegnet.

Die Wege führen Long über viele Tage und weite Entfernungen hinweg.Wie ein Landvermesser hält er die äußeren Daten seiner Erkundungen fest: die Tage, die Länge, den geografischen Ort.Mehr ist ihm über seine Fährten nicht zu entlocken.Doch die Fotografien, die er mit solchen Daten versieht und denen er das poetische Material der Namen von Bergen, Flüssen und dergleichen als sprachkünstlerische Werke an die Seite stellt, zeigen in spröder Schönheit den Reichtum dessen, was der Künstler in seinem nur allmählich sich verändernden Blickfeld als "Essenz" der jeweiligen Landschaft sieht und aufnimmt.

Für Hannover hat Richard Long eine Reihe älterer Arbeiten, darunter den wundersam rotleuchtenden "Afrikanischen Steinkreis" von 1993, mit Fotografien, Wandbeschriftungen sowie einer gänzlich neuen, die Wände des größten Ausstellungsraumes bedeckenden Farbinstallation verbunden.Zudem konnte er in der großflächigen Orangerie Herrenhausen eine komplizierte Bodenskulptur aufbauen, für die ihm ein Sponsor fünfzig Tonnen dolomitischen Gesteins aus einem niedersächsischen Steinbruch lieferte.Die Kreis- und Ovalformen sind bei dieser Arbeit nicht gänzlich ausgefüllt, sondern als breite Linien angegeben; während die beiden in den Räumen des Kunstvereins ausgebreiteten Arbeiten das gewohnte Bild der gefüllten Kreise bieten.

Von der bloßen Beschreibung her scheinen Longs Arbeiten der minimal art zuzugehören.Das ist zutreffend; andererseits geben die Bodenskulpturen im Verein mit den Fotografien einen Eindruck von stummer Erhabenheit, von natürlicher Größe, der unmittelbar an die Kunst der Romantik anschließt.Diesen "romantischen" Aspekt unterstreicht das wunderschöne Künstlerbuch, das Long für die Hannoveraner Ausstellung unter dem Titel "Every Grain of Sand" gestaltet hat.Die seitenfüllenden Fotografien, unterbrochen nur durch die erwähnten knappen Texte, entwerfen ein Bild von Landschaft, das am Ende des 20.Jahrhunderts kaum noch möglich scheint.Gerade Longs Sachlichkeit gibt Raum für das Erhabene, jenes Erbe der europäischen Naturerfahrung seit 1800.

Hannover, Kunstverein, Sophienstraße 2, sowie Orangerie Herrenhausen, bis 14.März.Begleitbuch 78 DM.

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