Kultur : Erhabenes Raunen: Ein genialer Physiker kämpft unfreiwillig komisch gegen den Tod

Thomas Schaefer

Große Fragen, große Außenseiter sind für junge Autoren große Herausforderungen. Ein Debütant ist der in in Wien lebende Daniel Kehlmann trotz seiner 24 Jahre nicht, hat er doch bereits einen Roman und Erzählungen veröffentlicht. Dennoch weist sein neuer Roman "Mahlers Zeit" ein wesentliches Merkmal des jugendlichen Erstlings auf - das Misstrauen in unspektakuläre Stoffe. Um nichts Geringeres als die Aufhebung der Zeit, also des Todes, geht es in "Mahlers Zeit". Der titelgebende Held, reiht sich in die Galerie der großen Literaturexzentriker der letzten Jahre ein. Verfügt etwa Patrick Süskinds "Parfum"-Held Grenouille über den absoluten Geruchssinn, Johannes Elias Alder in Robert Schneiders "Schlafes Bruder" über das absolute Gehör, so ist David Mahler schon als Kind ein Genie der Zahlen: "Nach einer Autofahrt wußte er, daß zweitausendvierhundertsiebenunddreißig Mal der weiße Pflock am Straßenrand vorbeigeglitten war." Trotz seiner Fettleibigkeit avanciert er in der Schule zum besten Torwart, weil er den Lauf des Balles vorausfühlen kann.

Derlei übernatürliche Fähigkeiten qualifizieren nicht zu einem normalen Leben. Wer beim Tete-a-tete der romantisch "So viele Sterne! Die niemand zählen kann!" hauchenden Geliebten antwortet: "Also, heute sind es nicht mal fünfhundert", erschreckt sie nur. Das Befremden wächst, als Mahler im Physikstudium das Niveau seiner Professoren hinter sich lässt. Und wird zum Entsetzen, als es ihm gelingt, den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik, "das Gesetz der Zeit", zu widerlegen, demzufolge in den Zeitabläufen eine lineare Ordnung herrscht. "Ein paar Aufbauten in einem Labor", "viel Energie" und vier von Mahler entdeckte Formeln genügen, um der Zeit zu entkommen und der Menschheit Unsterblichkeit zu verschaffen. Ist es ein Wunder, dass kein Mensch etwas von dieser Erkenntnis wissen will? Auch obskuren überirdischen "Wächtern" - Teufel? Engel? - ist Mahler "Gefahr und Ärgernis", denn "manche Dinge sollen nicht entdeckt werden." Erst warnen sie, schließlich verfolgen sie ihn. Das Rennen um die Publikation der Formeln endet mit einem tödlichen Herzinfarkt, kurz bevor Mahler dem lange gesuchten Nobelpreisträger Valentinov sein Wissen offenbaren kann.

Daniel Kehlmann erzählt dieses Rennen spannend und atmosphärisch dicht. Souverän beherrscht er Dramaturgie, Dialogregie und Figurenzeichnung - zweifellos ein Autor, der seinen Weg gehen wird. Und der doch am Anfang steht: weil er der Verführung erliegt, durch den inflationären Gebrauch von Metaphern eine Atmosphäre von Magie erzeugen zu wollen. "Ein Chor von Autohupen schwoll an und blieb schwerelos, leicht oszillierend, in der Luft stehen ... und der Augenblick gefror." Da glänzt eine Fensterscheibe, "als wäre Licht darin eingesperrt", da "taumeln" Sterne "durch den Raum, verformen ihn, verzerren die Zeit um sich, saugen Licht und allen Stoff in ihr mathematisches Nichts". Mitunter ist derlei erhabenes Raunen unfreiwillig komisch: "Er drehte sich um, im Bett lag jemand, gleichmäßig atmend, mit geschlossenen Augen, der ihm bekannt vorkam. Er kam ihm sogar sehr bekannt vor. Er war es selbst."

Es ist die diffuse Metaphysik, an der der Roman scheitert. Fast schon im Stil einer Heiligenlegende überzeichnet der Autor den Entdeckungsmoment der Formeln als parareligiösen Gnadenakt. Und nicht minder pathetisch gerät die Schilderung von Mahlers Tod: Er "spürte, wie etwas auf ihn zu raste, schneller noch als vorhin, schneller als jemals, beschleunigt durch ihn selbst, durch die Gefahr dessen, was er aussprach, was noch niemals ausgesprochen worden war, in allen Jahrhunderten nicht, was niemals ausgesprochen werden durfte, in aller Zukunft." So stirbt kein Mensch, sondern ein Messias.Daniel Kehlmann: Mahlers Zeit. Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1999. 160 Seiten, 29,80 DM.

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