Eric-Emmanuel Schmitts "Adolf H -zwei Leben" : Hitlers Dauerkarriere als Kunstfigur

Bücher des Bösen: Nach Littell versucht es nun Eric-Emmanuel Schmitt – mit einem Hitler-Roman. „Adolf H. – zwei Leben“ ist so unterhaltend wie nervtötend.

Jens Mühling

Bevor es ans Böse geht, zunächst ein Blick in die Psyche des Banalen. Eric-Emmanuel Schmitt, französischer Bestsellerautor, berühmt geworden mit seiner Islam-Idylle „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“, zuletzt aufgefallen mit der Christus-Verkitschung „Das Evangelium nach Pilatus“, schildert die Genese seines neuen Romans im Nachwort wie folgt: „Der Entschluss ist gefasst: Nach Jesus nun Hitler. Dem Licht folgt der Schatten. Habe ich im Evangelium nach Pilatus zunächst die Versuchung der Liebe erforscht, muss ich mich nun der Versuchung des Bösen nähern.“

Umrissen ist mit diesen Zeilen die ganze Anmaßung, die auch stilistische Hybris, die die Lektüre von „Adolf H. – zwei Leben“ (Ammann, Zürich 2008, 480 Seiten, 24,90 Euro) so unterhaltend wie nervtötend macht. Die Banalität des Bösen. Selten wurde sie so maßlos ausgekostet wie hier.

Am Anfang des Buchs steht ein Gedankenexperiment. Was, fragt Schmitt, wäre gewesen, wenn Hitler am 8. Oktober 1908 nicht mit Pauken und Trompeten durch die Aufnahmeprüfung der Wiener Kunstakademie gerasselt wäre – sondern sie bestanden hätte? Ausgehend von dieser konjunktivischen Weggabelung entwirft Schmitt seine titelgebenden „zwei Leben“: die reale Biografie des Diktators „Hitler“ und den fiktiven Lebensweg eines gewissen „Adolf H.“, zwei Erzählstränge, die sich im Buch in kurzen, zeitlich korrespondierenden Abschnitten abwechseln. Was aus Hitler wird, ist bekannt. Adolf H. hingegen wird von Schmitt auf eine völlig andere Odyssee entsandt als sein historisch verbürgtes Ebenbild – und erlebt gleichzeitig ein 20. Jahrhundert, wie es hätte aussehen können, wenn es Hitler nie gegeben hätte.

Das liest sich nicht weniger abstrus, als es klingt. Nachdem Adolf H. die Aufnahmeprüfung der Kunstakademie knapp bestanden hat, muss der schüchterne Jüngling feststellen, dass er den Anblick entkleideter Frauen nicht erträgt. Wann immer ein Aktmodell die Hüllen fallen lässt, fällt er in Ohnmacht. Ein Bekannter verweist ihn deshalb an die Wiener Praxis eines jüdischen Arztes, der, man ahnt es, auf den Namen Sigmund Freud hört – und seinem Patienten erst mal einen lupenreinen Ödipuskomplex diagnostiziert. Die Heilung gelingt, und so ist es – welch Sinn für historische Koinzidenz! – ausgerechnet der Jude Freud, der aus dem potenziellen Mutter- und Massenmörder H. den sinnenfrohen Kunststudenten Adolf macht.

Der Geheilte entdeckt die Frauen, die Liebe und nicht zuletzt die Malerei, die ihm immer besser von der Hand geht. Während er in Paris zur „entarteten“ Kunst findet und zum gefeierten Surrealisten aufsteigt, erhebt in Deutschland eine antisemitische Bande von Nationalsozialisten das Haupt – die jedoch, weil ihr die charismatische Führerfigur fehlt, kraftlos bleibt. Die Macht ergreift stattdessen eine moderat militante Rechte, die Deutschlands verlorene Gebiete in Polen und am Rhein zurückerobert, ansonsten aber die Welt nicht weiter behelligt. Juden und Deutsche leben in diesem fiktiven Staat einträchtig zusammen – so sehr, dass der nach Berlin zurückgekehrte Adolf H. sich fragt, wie die Idee eines eigenständigen jüdischen Staates ausgerechnet in Deutschland entstehen konnte. Israel aber bleibt ein Wunschtraum der Zionisten. Weil Deutschlands jüdische Künstler und Wissenschaftler nichts zur Emigration treibt, mausert sich Berlin zum geistigen Mittelpunkt der Welt, während Amerika zur provinziellen Mittelmacht absteigt und die Sowjetunion bereits in den sechziger Jahren kollabiert. Schmitts Berlin ist eine boomende Acht-Millionen-Metropole, als Adolf H. 1970 stirbt, während im Fernsehen die Deutschen den Mond erobern.

Nun lässt sich dieser mondsüchtigen Geschichtsklitterung immerhin noch ein gewisser Reiz des Konjunktivischen abgewinnen – aber es hätte schon einen begabteren Schreiber als Schmitt gebraucht (einen ungeborenen Eric-Emmanuel S. vielleicht), um aus diesem Stoff wirklich Funken zu schlagen. Denn Schmitt ist, was schwer zu glauben sein mag, der ganze delirierende Kladderadatsch um Adolf H. noch um Längen plausibler geraten als seine Bearbeitung des „echten“ Adolf. Dem klischeehaft Guten setzt er das klischeehaft Böse entgegen: einen seelisch verkrüppelten Hitler, der nie gelernt hat, die Liebe in sein Herz zu lassen. Dem freudianisch befreiten Adolf H. steht also ein sexualneurotischer Diktator gegenüber, dessen perverse Jungfräulichkeit als Urgrund allen deutschen Übels gesetzt wird. Schmitts betulicher Trällerton tut ein Übriges, um die Botschaft dieses Märchenbuchs auf eine Art küchenpsychologischen Knüttelvers zu reduzieren: Ein Quäntchen Sex zur rechten Zeit hätt’ Deutschland von allem Übel befreit.

„Du glaubst nicht an Gott, mein lieber Adolf?“, lässt Schmitt die Geliebte des fiktiven Künstlers fragen. „Ich, ich glaube nicht an den Teufel! Weil ich mir keinen Teufel vorstellen kann, der das Böse um des Bösen willen möchte. (...) Womöglich wird es einmal einen armen Kerl geben, der so frustriert ist, dass er darüber den Verstand verliert, ein armer Kerl, der Gutes tun will wie Gott, (...) ein Teufel aus Eifersucht auf Gott.“

Hitler also wird von Schmitt als ein Anti-Mephisto gedacht, als Kraft, die stets das Gute will und doch das Böse schafft. Das mag wenig originell sein, aber es berührt einen Grundkonflikt aller „Täterliteratur“: Das Böse tut sich schwer mit dem „Ich“. In einem Roman, selbst wenn er dem Realismus nur so fadenscheinig verpflichtet ist wie bei Schmitt, muss das Böse fast zwangsläufig die Seiten wechseln und sich dem Guten zuordnen, sobald es selbst von seinen Taten spricht. Das gilt für Schmitt, der seinen Hitler als „altruistischen Schweinehund“ charakterisiert („Das deutsche Volk“, lässt er ihn denken, „ist nicht auf der Höhe seiner geschichtlichen Aufgabe. Ich frage mich, ob es mich überhaupt verdient hat.“) Und es gilt insgesamt für die nicht eben zahlreichen Romane, die sich dem Hitlerfaschismus aus der Täterperspektive nähern.

Weitgehend alleine stand hier lange der Franzose Robert Merle mit seiner 1957 erschienenen Romanbiografie des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß („Der Tod ist mein Beruf“). Täterliteratur, das wurde als Disziplin begriffen, die die Lager- und Opferliteratur quasi nebenbei zu schultern hatte: nicht aus der Ich-, sondern aus der erleidenden Perspektive. Der Brite Martin Amis brach 1991 mit dieser Tradition, als er in „Pfeil der Zeit“ einen Ich-Erzähler das rückwärts ablaufende Leben eines SS-Arztes miterleben ließ: Das Buch beginnt mit dessen Tod und strebt in Verkehrung aller zeitlichen und kausalen Zusammenhänge auf Auschwitz zu, wo der Ich-Erzähler staunend miterlebt, wie deutsche Ärzte Rauch in Leichen und Leichen in Juden verwandeln. Amis’ Buch ist ein bestechendes Gedankenexperiment, aber letztlich kein Täterroman: Sein Ich-Erzähler erlebt das Böse als blinder Passagier im Körper eines anderen, als Passagier zudem, der blind ist für Verbrechen, weil er sie rückwärts und sinnverkehrt wahrnimmt. Ein Nachdenken über Schuld bleibt ihm erspart.

Ähnliches gilt für einen eindrücklichen, bisher unübersetzten Roman, der letztes Jahr in Frankreich erschien: „L’homme qui voyageait avec la peste“ von Vincent Devannes (Éditions Anabet, Paris 2007) erzählt die Geschichte eines französischen Nazikollaborateurs, der nach dem Krieg unter falschem Namen in Argentinien lebt. Aus Angst vor Entdeckung lässt er sich vom amerikanischen Geheimdienst erpressen, deutsche Naziflüchtlinge zu bespitzeln. Weder seiner Familie noch dem Leser offenbart dieser Ich-Erzähler allerdings die Natur seiner Verbrechen, weshalb sich sein zunehmender seelischer Verfall nur als ein qualvolles Ersticken an verschwiegener Schuld, an verleugneter Identität erleben lässt.

Bleibt Jonathan Littell – und es kann nicht allein der Kontrast zu Schmitt sein, der „Die Wohlgesinnten“ (Berlin Verlag 2008) als Täterliteratur so übermächtig wirken lässt. Hier wird tatsächlich auf 1400 qualvollen Seiten der Versuch durchgehalten, das Böse „ich“ sagen zu lassen – ein Versuch, der problematisch bleibt, und dem Littell doch unendlich viel mehr abzugewinnen weiß als Schmitt. Vielfach ist eingewendet worden, einen intellektuellen SS-Mann wie Littells Erzähler Max Aue habe es weder gegeben noch geben können. Es mag deutscher Selbstschutz sein, der diese Behauptung diktiert. Denn ob Aue nun „wahr“ ist oder nicht: Littell macht eine Intellektualität des Bösen plausibel, die schwer zu verdauen, aber auch schwer abzuweisen ist.

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