Kultur : Erich, rück den Schlüssel raus!

Mauerlyrik, gelesen von Wolfgang Neuss

Jens Mühling

An einem merkwürdigen Ort, den es heute nicht mehr gibt, war einst folgender Satz zu lesen: „Merkwürdiger Ort, um was drauf zu schreiben.“ Verflixt selbstreferenziell war das, hielt aber merkwürdig viele Leute nicht davon ab, sich ebenfalls dort zu verewigen. In groben Zügen ist das die Genese der „größten Wandzeitung der Welt“, wie der Hörspiel-Autor Roland Steckel die Berliner Mauer tituliert. Bei einem Spaziergang im Juni 1983 war ihm zum ersten Mal die bizarre Poetik jener Sprüche aufgefallen, mit denen die Westberliner ihre Seite des Beton-Bollwerks verziert hatten. Er beschloss, die komplette Mauerlyrik unkommentiert zu vertonen – und fand den Sprecher für sein literarisches Projekt ausgerechnet in Wolfgang Neuss.

Neuss und die Mauer, das war ein Kapitel für sich. Die Frontstadt Westberlin pflegte kein ganz unbelastetes Verhältnis zu dem dauerbekifften Satiriker, der etwa in einem Text von 1965 sarkastisch begründet hatte, „warum ich mich auf die Wiedervereinigung freue: Weil wir dann eine Macht sind. Eine Million Soldaten. Noch mal soviel Polizisten ... Damit kein Pole zu uns rein kann, weil wir wieder unter uns sind.“ Humor, über den im Deutschland des Kalten Krieges nicht jeder lachen wollte. Auch Neuss selbst reagierte zunächst skeptisch auf Heckels Anfrage: „Wir machen uns zur städtischen Seelenmüllabfuhr!“, rief er, erklärte sich dann aber doch einverstanden – und in den folgenden Tagen sprach, röchelte, ächzte, schrie und seufzte er den kompletten Text der Berliner Mauerlyrik in Heckels Mikrofon. Die so entstandene Aufnahme wird nun zum 45. Jahrestag des Mauerbaus als Hörbuch neu aufgelegt (Roland Steckel: Die Mauer. Die größte Wandzeitung der Welt. Gelesen von Wolfgang Neuss. Grüne Kraft, Löhrbach 2006. 12,50 €). Und so klingt sie: „Eva, ich liebe Dich. Zelli war da und kommt nicht wieder. Wer sagt denn, dass Beton nicht brennt, hast du’s probiert? Ich liebe Kirsten und hasse die Mauer. Amis raus. Wer guten Stoff will, soll sich bei Elliot melden. Ceterum censeo: Murum esse delendum. Erich, rück den Schlüssel raus! Kein Schwanz ist so hart wie das Leben. Klopf klopf! Komm rin! Keene Lust.“

Den Fall der Mauer hat Neuss nicht mehr miterlebt – er starb im Juni 1989. Die Mauersprüche, die er verewigt hatte, gab es allerdings schon vorher nicht mehr. Zum Zeitpunkt der Aufnahme, schreibt Heckel im Vorwort zur CD, sei die „Schriftphase“ der Mauer bereits ihrem Ende zugegangen. Es folgte die „Bildphase“: Bis 1989 verschwand der Großteil der Westberliner Kritzellyrik unter flächigen Sprühgemälden.

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