Kultur : Erik Neutsch: Die konkrete Passion

Katrin Hillgruber

Mit soviel provokanter Lebenslust sprang in der DDR Mitte der sechziger Jahre nur einer ins Wasser: Manfred Krug. In Frank Beyers Verfilmung des Romans "Spur der Steine" spielte er den aufsässigen Glückssucher Hannes Balla, ein kraftstrotzendes Mannsbild, das breit unter seinem schwarzen Zimmermannshut hervorlacht. Mit seiner Brigade macht er sich nach einem Tag auf der sozialistischen Großbaustelle Schkona II im Dorfweiher frisch, in solidarischer Nacktheit, da einer von ihnen, der kleine Nick, die Badehose vergessen hat. Es sind Szenen wie diese in Beyers kongenialer Adaption des Buches von Erik Neutsch, in denen der utopische Unterstrom einer "anderen" DDR zu erahnen ist.

Der Film wurde als einer der "Kaninchenfilme" vom 11. Plenum des ZK der SED 1965, die literarische Vorlage entging diesem Schicksal. Hannes Balla ist zwar Anarchist, aber im Grunde ein williger, der nur vom Neuen Ökonomischen System (NÖS) überzeugt werden muss. Dessen Literaturprogramm forderte die Darstellung von Konflikten auf der Planer- und Leiterebene, eine Aufgabe, der Neutsch mustergültig und aus innerster Überzeugung nachkam. "Meine Idee war, wie ein Arbeiter in der DDR seine Heimat findet", erläuterte er dieser Tage in einem Fernsehporträt die künstlerische Absicht seines 900-Seiten-Romans, der als der DDR-Roman schlechthin über die neue Industrieproduktion gilt.

Erik Neutsch, Arbeitersohn aus Schönebeck an der Elbe, ist bis heute Sozialist geblieben. Mit dem Kapitalismus kann und will er sich nicht abfinden, wovon "Totschlag" von 1994 Zeugnis ablegt. In diesem Werk verweist eine Bluttat direkt auf die sozialen Verhältnisse in den neuen Bundesländern. Neutsch bereiste nach dem Studium der Philosophie und Publizistik in Leipzig als junger Reporter die Großbaustellen des Landes und machte sie zu seinem erzählerischen Revier. 1961 veröffentlichte er die "Bitterfelder Geschichten", die sich an Alphonse Daudets "Briefe aus meiner Mühle" anlehnten. Seine Passion für das Konkrete sorgte für immense Auflagenhöhen. Auf der anderen Seite brachte ihm das den Vorwurf des "Vierschrötigen" (Kurt Batt) ein, zuweilen stürzte es ihn in Konflikte. Das Buch mit dem agnostischen Titel "Auf der Suche nach Gatt" wurde fünf Jahre lang nicht gedruckt, weil die Obrigkeit keine Schilderung des Aufstands vom 17. Juni 1953 duldete - ganz gleich, aus welcher Perspektive.

Zur Zeit schreibt der zweifache Nationalpreisträger der DDR am fünften Band seines 1974 begonnenen Entwicklungsromans "Der Friede im Osten", eine Darstellung vom Kriegsende bis zum Untergang der DDR: sicher auch eine Möglichkeit, die Entwertung seiner Ideale persönlich zu bewältigen. Heute feiert er in Halle seinen siebzigsten Geburtstag.

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